L' enfant

Kinostart: 17.11.05
2005
Filmplakat: L' enfant

FBW-Pressetext

Radikal und schnörkellos erzählt der aufrüttelnde Film aus einer gefühlskalten, banalen, echten, realen Welt. Wieviel Wert hat ein Kind? Was wird aus beschädigten Seelen?
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama
Regie:Jean-Pierre Dardenne; Luc Dardenne
Darsteller:Jérémie Renier; Fabrizio Rongione; Déborah François; Olivier Gourmet; Jérémie Segard
Drehbuch:Jean-Pierre Dardenne; Luc Dardenne
Weblinks:filmsortiment.de; Enfant-_-Das-Kind-_-Arthaus-Collection.html;
Länge:95 Minuten
Kinostart:17.11.2005
Verleih:Kinowelt
Produktion: Les Films Du Fleuve, Archipel 35; RTBF; Scope Invest; Arte France Cinéma;
FSK:12

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Wie ein Ding verscheuert der zwanzigjährige Dieb und Hehler Bruno sein neugeborenes Baby, doch damit verliert er - für ihn selbst ganz unerwartet - das größte Gut seines Lebens: die Liebe seiner Freundin Sonja. Was zunächst mit dem gemeinsamen Baby noch nach einer Variante auf den fröhlichen Anarchismus von „A Bout de Souffle“ aussieht, verwandelt sich mit dieser ungeheuerlichen Tat, die gleichwohl aus der charakterlichen Zeichnung von Bruno ganz stringent hervorgeht, in die strenge Studie eines Menschen ohne jegliches soziales und ethisches Wertesystem. Er ist ein erwachsener Wolfsjunge, ein „enfant sauvage“, seelisch ein beschädigtes Kind, das die einfachsten menschlichen Regeln noch schmerzlich zu erlernen hat.

Der Film der Brüder Dardenne hält sich mit psychologischen oder gar psychoanalytischen Erklärungen nicht auf. In seinem moralischen Rigorismus, der ohne Zugeständnisse an ein konventionelles Sozialdrama in einen stilistisch absolut geschlossenen Film überführt, ist „L’enfant“ dem Kosmos Robert Bressons nahe. Dominantes Stilmittel ist die Handkamera, die stets ganz nah an den Porträtierten bleibt. Dialoge werden häufig nicht im Schnitt-Gegenschnitt aufgelöst, in ihrem dokumentarischen Gestus vollführt die Kamera dann eher einen Schwenk. Auch Zeiten werden nicht merklich filmisch gerafft, wie üblich, sondern eher noch gedehnt. Das Warten erhält den gleichen Stellenwert wie die Aktion.

Für Bruno sind Tage wie Nächte, es zählt nur der nächste Akt, die nächste Lüge, der nächste kleine Diebstahl, die nächste Belohnung, und entsprechend wird das bloße Hingucken auf diesen meisterhaft gebauten Film dem Zuschauer in jedem Moment belohnt.

Der ausschnitthafte Blick auf das Leben in den Straßen einer größeren belgischen Stadt hat gleichwohl etwas Universelles, dem man sich schwerlich entziehen kann. In äußerster Reduktion findet sich hier eine Gleichung aufgemacht zwischen dem Streben nach materiellen Dingen und nach einer sozialen und ethischen Menschlichkeit, die Bruno zu Beginn völlig abgeht und die er sozusagen erst aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände zu lernen beginnt.

Der Zuschauer bekommt kaum die Chance, sich in diesen Bruno einzufühlen. Nur in wenigen und dann äußerst dezent eingesetzten Motiven greift die Regie zu suggestiven oder symbolischen Bildern. Der sonst übliche dezente oder akzentuierende Einsatz von Musik fehlt ganz in diesem puristischen und gerade dadurch atmosphärisch dichten Film. Der Film nimmt sein Publikum freilich äußerst ernst. Der Stoff, die Geschichte, die abgründige Tiefe wird niemals nur behauptet, sondern findet sich in der Wahl der gestaltenden Mittel bestätigt. Diese Leistung, so die beinahe einmütige Meinung des Bewertungsausschusses, sollte mit keinem anderem als dem höchsten Prädikat honoriert werden.