Im Leben geht alles vorüber

FBW-Pressetext

Wie kann man einen Ort, der das pure Grauen verkörpert, filmisch darstellen? Und wie fühlt man sich, wenn man eine Gedenkstätte betritt, die zwischen verfallenen Überresten immer wieder Spuren der unfassbaren, nicht nachvollziehbaren Ereignisse aufweist? In seinem Film IM LEBEN GEHT ALLES VORÜBER stellt sich der Filmemacher Thomas Kutschker diesen Fragen am Beispiel des ehemaligen KZ Buchenwald. Mit der Kamera verfolgt er den unausweichlichen Weg, den alle Insassen damals nehmen mussten. Von den Bahngleisen durch das Tor über das Gelände hin zu den Baracken. Stationen, der Häftlinge, die von da an ihren Alltag ausmachten. Am Ende stehen die Verbrennungsöfen in denen alle Todesopfer zu Nichts aufgelöst wurden.
Man sieht Bildausschnitte auf der ansonsten schwarzen Leinwand, einzelne Fragmente, verschiedene Perspektiven, die gleichzeitig auf der Projektionsfläche zu sehen sind. Ein Geräuschteppich lässt Musik erahnen und ermöglicht durch ein sich unmerklich veränderndes, atmendes Grundrauschen vielfältige Assoziation.
Kutschers Bilder sind farbentsättigt und still, nur am Rande tauchen gelegentlich Menschen auf, die den Bezug zur Gegenwart, zur heutigen Funktion des Ortes als Gedenkstätte in Erinnerung rufen. Der Zuschauer ist allein in Buchenwald. Allein mit der Geschichte und allein mit seinen Gedanken. Vielleicht ist dies der einzige Weg, sich dem Konzept des Arbeits- und Vernichtungslagers und seinen bis heute spürbaren Auswirkungen zu stellen. Ein formal kluger und angemessener filmischer Ansatz, der nachwirkt.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm; Essayfilm
Regie:Thomas Kutschker
Drehbuch:Thomas Kutschker
Kamera:Thomas Kutschker
Schnitt:Thomas Kutschker
Länge:14 Minuten
Kontakt:kutschker@filmisches.com
Produktion: Thomas Kutschker
Förderer:FFA

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Großaufnahmen von Gleisen, konsequent wie schwarz-weiß Aufnahmen wirkend, nicht bildfüllend sondern in drei wie projiziert aussehende Bildwände schwebend in die Projektionsfläche eingebettet und in etwa ineinander geschoben. Die Bilder sind nicht statisch eingefügt. Sie doppeln sich mit veränderten Bildausschnitten und Perspektiven des gleichen Motivs. Die Aufnahmen wechseln in ruhigen Abständen, Stacheldraht, Porzellanisolatoren, die schmiedeeiserne Schrift der Einfahrt in ein Konzentrationslager. Kurze schwarze Unterbrechungen führen zu nächsten Bildthemen. Nahezu statische Filmaufnahmen, die fast wie Fotografien wirken, auch wenn der Blick langsam an weiß gekalkten Bretterwänden entlang gleitet. Bedrückende Bilder mit dem Atem des Todes. Nach diesen Aufnahmen wird deutlich, wo wir uns befinden. An einem Ort des Leidens und der massenhaften Vernichtung von unschuldigen Menschen. Im langsamen Rhythmus werden wir eindrücklich aufgrund der hohen Konzentration und Verdichtung der Bildästhetik durch die Stationen des Lagers geführt bis hin zu den Verbrennungsöfen, wo der Satz„Im Leben geht alles vorüber“ sich gewaltsam und endgültig erfüllte.

Will man diesen Film einem Genre zuordnen, wird es nicht einfach. Die Bilder sind streng dokumentarisch zueinander gefügt, zählen die Stationen des Leidens auf, beschreiben das Lager von der Ankunft bis zum Ende des Lebens. Es ist ein Dokumentarfilm als Esay. Da die Projektionsfläche in drei „Leinwände“ mit diffusen Rändern gegliedert ist, ist es auch ein filmisches Experiment oder die Übersetzung einer Rauminstallation. Diese Verschränkungen des Films sind seine Qualität und formen die Eindrücklichkeit unserer Wahrnehmung.

Der Film nimmt experimentell die Rolle des Besuchers ein, der sich einzelne Motive herausgreift und diese in seinem Erleben der Örtlichkeit einordnet. Es gibt keine Eindeutigkeit an diesem Ort, die Perspektiven und Achsen des Sehens und auch des Verstehens verändern sich von Subjekt zu Subjekt. Es gibt keine Einheit des Blicks. Vielleicht ist es das, was die gewählte Form ausdrücken will und soll. Noch ein weiterer Aspekt drängt sich für den Betrachter des Films auf. Es verdeutlicht eine andere Perspektive auf das Geschehene. Die Ungleichheit der Zeit als Blick in das Vergangene mit dem Blick des Wissens von uns heute, und zugleich des Unwissens von den Zuständen in einem Konzentrationslager für die Menschen, die der Tod erwartet. Der Blick zurück als ferne Distanz, der nicht kongruent sein kann.

Fragen finden und stellen ist die Aufgabe eines Kunstwerks, und nicht etwa die, Plausibilität herstellen zu wollen. In diesem Sinne ist der Film nicht für alle plausibel, die ihn beurteilen wollen und genau das ist Teil seiner Qualität. Von der Ästhetisierung geht allerdings auch eine Gefahr aus, die auf Adornos Frage verweist, was und ob nach Auschwitz an Kunst noch möglich ist. Wir haben aber keine andere Wahl, als mit ihr Eindringlichkeit bewusst zu machen.