Filmplakat: zu zahm

FBW-Pressetext

Sieben Menschen in sieben Schubladen. Ihre Bewegungen sind typisch für ihre jeweiliges Alter, ihr Geschlecht oder auch ihre äußere Aufmachung. Dann jedoch wechseln die jeweiligen Bewegungsmuster. Nichts scheint mehr zusammenzupassen. Immer schneller wechselt der Eindruck. Bis auf einmal alle das Gleiche tun. Und das Bild in der Totale einen Kontext offenbart, der vorher so noch nicht zu erkennen war. In ihrem knapp siebenminütigen Kurzfilm ZU ZAHM reflektiert die Animationskünstlerin und Filmemacherin Rebecca Blöcher über die verschiedensten Themenbereiche. Uniformität, Schubladendenken, Stereotype, Klischees – all dies sind Assoziationen, die beim Betrachten der sorgfältig und kunstvoll animierten Bilder entstehen, aber in ihrer Deutung von der Künstlerin nie vorgegeben werden. Der Betrachter ist völlig frei und wird höchstens durch das wohl gesetzte Timing von Montage und Ton geleitet. Bis hin zu einem überraschenden und offenen Schluss. Eine im wahrsten Sinne freiheitliche und kunstfertige Kurzfilmarbeit.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Animationsfilm; Kurzfilm
Regie:Rebecca Blöcher
Drehbuch:Rebecca Blöcher
Schnitt:Stefan Urlaß
Musik:Christian Goretzky
Länge:6 Minuten
Produktion: Balance Film GmbH Ralf Kukula
Förderer:FFA; MBB; Kulturstiftung Sachsen; SLM

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ein weiterer filmischer Leckerbissen der Regisseurin, deren Kurzfilm „Quälen“ bereits mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde. Der exzellent inszenierte Animationsfilm ZU ZAHM eröffnet dem Zuschauer eine Fülle von Deutungs- und Assoziationsmöglichkeiten, das offene Ende des Films schränkt diese nicht ein oder lenkt sie in eine Richtung.
Mit kleinen, überlegt eingesetzten künstlerischen Mitteln erreicht Rebecca Blöcher große Wirkung. Sieben Menschen rücken zunächst einzeln ins Bild. Frauen und Männer jeden Alters wiederholen jeweils ihre Bewegungsabläufe. Dabei spielt die Regisseurin mit Stereotypen und Erwartungen, etwa wenn ein lethargisch in seinem Sessel hängender Mann überraschend aufsteht und hektisch abtanzt.
Langsam zieht die Kamera auf, die Menschen agieren jeder in einem Quadrat, ihre Bewegungen werden hektischer. Die Jury fühlte sich schnell an den Popsong „Living in Box“ der gleichnamigen Band erinnert, der in der DDR als Synonym für Anpassung ans Kollektiv und beengte Neubauwohnungen galt, in denen Individualität kaum gedeihen konnte.
Der Einzelne verschwindet im Film schließlich in der Masse. Die immer gleichen Bewegungsabläufe deuten auf das Hamsterrad des Alltags hin, die Beschleunigung der Handlungen und des Rhythmus des Films auf Stress. Es werden Selfies geschossen, diese Darstellung kann als Symbol der Vereinsamung in der digitalen Gesellschaft gelesen werden.
Vielleicht ist aber auch alles ganz anders zu deuten? Jeder Zuschauer ist eingeladen, seine eigene Sicht auf den gesellschaftskritischen Film zu finden, auch beim zweiten Sehen Neues zu entdecken. Der Film findet ausdrucksstarke Bilder und Metaphern zur Konformität einer Gesellschaft, die das Individuelle feiert und dem Einzelnen einredet, seinen Traum zu leben.
Die Wirkung kann sich entfalten, weil die Regisseurin ihrer Stilmittel sicher ist. Timing und Rhythmus stimmen, die Hintergründe sind liebevoll gestaltet und die Animation ist definitiv “State of the Art“.