Wintertochter

Kinostart: 20.10.11
2010
Filmplakat: Wintertochter

FBW-Pressetext

Die 12jährige Katharina, genannt Kattaka, fällt aus allen Wolken, als sie an Weihnachten erfährt, dass der Mann, den sie bisher Papa genannt hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Wutentbrannt und zu allem entschlossen macht sie sich mit ihrem besten Freund und der 75jährigen Nachbarin Frau Graumann auf nach Polen, wo ihr biologischer Vater als Matrose auf einem Schiff arbeitet. Was nun beginnt, ist eine Suche nach den eigenen Wurzeln, nicht nur für Kattaka, sondern auch für Frau Graumann. Der neue Film von Johannes Schmid ist mehr als eine heiter-melancholische Geschichte über Freundschaft quer durch alle Generationen. Er bezaubert durch seine traditionelle ruhige Erzählweise, charaktergetrieben und mit liebevollem Blick für das Detail. Der Film funktioniert wie ein klassisches Road Movie, ist aber auch eine innere Reise der Figuren, auf der Suche nach ihrer Identität. Ein starkes Drehbuch mit reduzierten Dialogen und überzeugenden Darstellern erschafft eine inspirierende Geschichte für jung und alt. Vor allem Ursula Werner als Lene Graumann glänzt in ihrer Rolle als Ersatzoma von Kattaka, die sich nun ihren eigenen Erinnerungen stellen muss. Geradlinig und klug erzählt hinterlässt dieser Film ein warmes und schönes Gefühl.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Johannes Schmid
Darsteller:Nina Monka; Ursula Werner; Merab Ninidze; Daniel Olbrychski; Leon Seidel; Dominik Nowak; Katharina Marie Schubert; Maxim Mehmet; Julia Kaminska
Drehbuch:Thomas Schmid; Michaela Hinnenthal
Kamera:Michael Bertl
Schnitt:Thomas Kohler
Musik:Michael Heilrath; Kathrin Mickiewicz
Weblinks:zelluloid.de; kinderfilmwelt.de;
Länge:96 Minuten
Kinostart:20.10.2011
Verleih:Zorro
Produktion: Schlicht und Ergreifend Film GmbH Philipp Budweg, RBB; BR;
FSK:0
Förderer:FFA; BKM; MBB; DFFF; MDM

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

WINTERTOCHTER ist ein Roadmovie für Kinder & Erwachsene, gedreht an Originalschauplätzen in Deutschland und Polen. Es beschreibt die Suche und das Wiederfinden der eigenen Identität und einer beherzten Zuwendung zum Leben.
Ein Anruf zur besten Bescherungszeit am Heiligabend wirbelt das Familienleben von Kattaka (12), ihrer Mutter Margarete und Daniel, dem Mann, von dem sie bisher annahm, er sei ihr Vater, gründlich durcheinander. Am Telefon ist ein vermeintlich Fremder: Alexej, ein russischer Matrose. Er ist der leibliche Vater der jungen Protagonistin, so stellt sich schnell heraus. Fortan redet Kattaka nicht mehr mit ihren Eltern, Wut und Enttäuschung sind einfach zu groß. Nicht nur sie wurde belogen, auch der ehemalige russische Soldat weiß nichts von ihrer Existenz. Darüber hinaus ist Margarete gerade schwanger mit Daniels erstem „eigenem“ Kind. Kattakas Antrieb, ihren „richtigen“ Vater sehen zu wollen, und zwar gleich, ist also auch der Angst geschuldet, wohlmöglich nicht mehr voll und ganz in diese Familie zu gehören.
Der unbedingte Wille der zierlichen Kattaka setzt die Geschichte fortan in Bewegung: Es beginnt eine Reise „zwischen den Jahren“ ohne die Eltern, die sich – wenn auch voller Sorge- ihrem Kind aber nicht in den Weg stellen wollen. Beeindruckt von ihrem couragierten Eigensinn, ist es schließlich die eigenbrötlerische Nachbarin und Ersatzoma Lene (75), die sich in ihrem anachronistischen Kleinbus mit Kattaka auf den Weg macht. Ihr dickster Kumpel, der etwas jüngere „Knäcke“, will Kattaka auch nicht im Stich lassen und schleicht sich als blinder Passagier ein. Später in Danzig bekommt das Dreiergespann in der Hafenkneipe „Zur Fledermaus“ Unterstützung von dem polnischen Jungen Waldeck und dessen Großvater „Sheriff“.
Als Kattaka gewahr wird, dass auch Alexej eine eigene Familie in der Heimat hat, verlässt sie vorläufig der Mut. Lene wirft ihr dies einen Moment lang vor, doch Kattaka macht der alten Frau klar, dass sie sich ja selbst ihrer Vergangenheit nicht stellt. So geht die Reise erst einmal weiter in die Heimat Lenes nach Masuren. Im Ort ihrer Kindheit lösen sich die verdrängten bitteren Erinnerungen an die Flucht im Winter 1945. Nun ihrerseits beeinflusst von Lenes Courage, kann sich endlich Kattaka der Begegnung mit Alexej stellen und sich mit ihrer Familie versöhnen.
Der Film verbindet auf sehr originelle Weise das Ur-Thema der Suche nach der eigenen, bisweilen auch verdrängten Identität mit den geschichtlichen Traumata des Krieges und dessen Folgen. Ganz organisch und quasi auf dem Weg wird somit das deutsch-polnische Verhältnis beleuchtet, auch über die historischen Bezüge hinaus. Einer nachwachsenden Generation wird es hier gleichsam leicht gemacht, geschichtliche und aktuelle Zusammenhänge aufzunehmen und möglicherweise an anderer Stelle zu vertiefen. Zugleich vermeidet die frische Erzählung alles Didaktische und spricht als Drama alle Generationen an. Regisseur Johannes Schmid versteht es geschickt, das Kleine im Großen und umgekehrt ausgesprochen filmisch zu thematisieren und dadurch WINTERTOCHTER eine eigenständige Tiefe zu verleihen. Das den Plot bestimmende Motiv der Vatersuche wird so ganz organisch erweitert. Weil die Figuren von Anfang an nie aus der Luft gegriffen sind und aufeinander einwirken, folgen wir nicht zuletzt einer besonderen Geschichte von generationenübergreifenden Freundschaften.
Eine alte filmische Tugend, über die Erzählweise des Roadmovies der Emotionalität und Entwicklung der Figuren durch Bewegung gerecht zu werden, leistet dieser Film auf eine moderne Art und Weise Folge. Auffallend hierbei sind der humoristische und warmherzige Blick auf die Figuren und der Charme im Detail. Die Szenen sind oft dank wunderbarer Dialoge witzig, woran auch die „Sidekick“-Figur des jungen „Knäcke“ ihren Anteil hat. Wie alle Kinder- und Jugendfiguren in diesem Film darf er auf angenehme Weise selbstbewusst sein. Das winterliche Polen ist nicht nur Hintergrund für die Biografie Lenes; hier werden auch die richtigen Bilder als Spiegel für die mit Zweifeln beladene Kattaka gefunden. Die Handlung wird im Wesentlichen von den Motiven der Charaktere vorangebracht. Äußerliche, die Spannung anreichernde Hindernisse werden in dem klug entwickelten Drehbuch von Michaela Hinnenthal und Thomas Schmid nur dezent und ausgewogen eingesetzt. Die Inszenierung mit ausnahmslos toll besetzten Darstellern wirkt möglicherweise nicht zuletzt durch den Verzicht auf (deutsches) Starkino so rund.
Am Ende möchte der neu gewonnene polnische Freund Waldeck von der wieder zu sich und ihrer Familie gefundenen Kattaka wissen, wie ihr Herz denn jetzt am ehesten schlagen würde: deutsch, russisch oder doch auch ein wenig polnisch. Klar will der Teenager auf die sich zart entwickelnde Bande zwischen ihm und dem eigensinnigen Mädchen aus Deutschland hinaus. Doch der Zuschauer spürt auch hier, wie das Große im Kleinen mit einbezogen ist.