Vom Hören Sagen

Filmplakat: Vom Hören Sagen

FBW-Pressetext

Wie lebt es sich als Blinder, der niemals die Erfahrung des Sehens machen durfte? Als Mensch, der ohne Sehvermögen auf die Welt kam? Und wie stellen sich diese Menschen Dinge vor? Die Filmemacherin Eibe Maleen Krebs stellt in ihrem Film VOM HÖREN SAGEN zehn geburtsblinde Menschen vor und lässt den Zuschauer teilhaben an ihren Gedanken, ihren Wünschen und Erfahrungen. Filmisch geht Krebs dabei sehr geschickt vor, lässt die Interviewten zunächst im Halbschatten, offenbart erst nach und nach ihr Gesicht. Auf einer weiteren Ebene gibt der Film ihnen dann die Chance, in selbstgewählte Rollen und Kostüme zu schlüpfen. Wie möchten sie gesehen werden? Als Raumschiffpilot, als Dirigent, als Prinzessin in einem wunderschönen Kleid? Krebs und ihr Team inszenieren die Protagonisten in Szenarien, die diese selbst in ihrer Imagination kreiert haben. Der Zuschauer erhält so einen Einblick in ihr Innenleben. Es geht nicht um das Sehen, es geht um das Wahrnehmen. In offenen und ehrlichen Gesprächen geben die Befragten zu, dass sie sich manchmal mehr Verständnis für ihre Situation wünschen. Filme wie VOM HÖREN SAGEN können dieses Verständnis schaffen. Denn nachvollziehen können wir Sehende die Welt der Geburtsblinden zwar nicht. Aber wir können versuchen, ihre Welt der Gefühle, Empfindungen und Gedanken als ebenso bunt, schillernd und glitzernd zu sehen wie unsere Welt des Sehens. Ein filmisches Experiment, das sich seinen Protagonisten auf sensible Weise nähert und jedem Betrachter in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet.
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Eibe Maleen Krebs
Drehbuch:Eibe Maleen Krebs
Kamera:Hannes Stimmann; Yannik Lüdemann; Marvin Hesse; Joachim Glaser
Schnitt:Eibe Maleen Krebs; Tanja Schwerdorf
Webseite:eibe-krebs.de;
Länge:64 Minuten
Produktion: Eibe Filmproduktion Eibe Maleen Krebs, Hochschule für Bildende Künste Hamburg;
Bildungseinsatz:filmsortiment.de; schulfilme-online.de; ;
Förderer:FFHSH; Hochschule für bildende Künste, Hamburg

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

„Licht kann ich hören, weil der Schalter immer so klickt“, sagt die zehnjährige Melina, eine der zehn Protagonisten verschiedenen Alters, die Eibe Maleen Krebs in ihrem Film vorstellt. Alle sind von Geburt an blind und haben, im Unterschied zu später erblindeten Menschen, die Erfahrung des Sehens nie gemacht. Was Licht ist oder ein Lächeln, wissen sie nur „Vom Hören Sagen“, dennoch erfassen sie die Welt sehr genau. In einer vorsichtigen Annäherung, bei denen die Protagonisten sich erst allmählich aus dem Dunkel der Szenerie herausschälen, erfahren wir von ihrer Wahrnehmung der Realität, ihren Vorstellungen vom Licht und von ihren Träumen. Schließlich gibt der Film ihnen Gelegenheit, ihre Träume zu visualisieren, Räume zu gestalten und sich selbst so zu inszenieren, wie sie gesehen werden möchten. Dadurch ergeben sich auch für den sehenden Zuschauer völlig neue Sichtweisen.

Wohl jeder Sehende hat sich schon gefragt, wie Menschen, die von Geburt an blind sind, die Welt „sehen“: ist sie nur grau oder ganz schwarz? Erkennen sie Licht oder Dunkelheit? Wie träumen sie, und wie stellen sie sich Farben, Menschen und Dinge vor? Eibe Maleen Krebs wählt einen anderen Ansatz: Ihre Protagonisten sind keine Probanden, die einer Untersuchung unterzogen werden, sondern der Zuschauer wird gleichermaßen einem Experiment ausgesetzt, indem seine Perspektiven und Sehgewohnheiten in Frage gestellt werden. Damit wird nicht in erster Linie das „Blindsein“ thematisiert, sondern die „Wahrnehmung“ an sich. Der Film ist größtenteils in schwarz-weiß gehalten, gegen Ende dominieren bei den Selbstinszenierungen der Protagonisten jedoch sehr intensive, satte Farben. Der Tonebene kommt besondere Bedeutung zu, dennoch ist auch die Bildebene sehr künstlerisch und abwechslungsreich gestaltet.

Am Anfang steht die Dunkelheit, und die Protagonisten sind nur als schemenhafte Umrisse zu erkennen. Erst allmählich gewinnen sie Kontur, Gestalt und Gesicht. Der Zuschauer kann sich also beim ersten Kennenlernen kein „Bild“ von den Personen machen, sondern muss zunächst ihren Stimmen, dann ihren Gesten vertrauen, bis er schließlich ihre Gesichter sieht. Aber bis dahin hat er schon viel über die unterschiedlichen Persönlichkeiten erfahren, hat gelernt, sie zu unterscheiden und hat Besonderheiten in der Gestik und im Habitus wahrgenommen. Während einige sehr gefasst und eher in sich in sich gekehrt auf ihrem Platz sitzen, sind andere sehr ausdrucksstark oder extrem unruhig. Die Hände sind meist in Bewegung. Neben dem gesprochenen Wort sind auch die Geräusche sehr wichtig, und der vierzehnjährige Henri, der mit Begeisterung trommelt, sagt nicht umsonst: „Du musst ganz genau zuhören!“

Die Wahrnehmungsschilderungen der Blinden sind sehr detailliert und für den sehenden Zuschauer immer wieder verblüffend, vor allem, wenn das Sehen selbst zum Thema wird: „Wie fühlt sich Sehen an?“ oder „Wie möchte ich selbst gesehen werden?“. Das führt zu verblüffenden visuellen Inszenierungen, die die Protagonisten in ihrer Imagination kreiert haben und die von der Regisseurin und ihrem Team umgesetzt wurden. Hier können sie Prinzessin sein, ein Orchester dirigieren oder ein Raumschiff lenken, sich in einem Ballon bewegen, oder barfuss auf einer grünen Wiese einem Geigenspiel lauschen. Einige Szenerien wirken auf Sehende nicht nur farblich „krass“, sondern mitunter auch kitschig gestaltet. Einige Jurymitglieder hatten daher Bedenken, ob die Protagonisten am Ende nicht doch der Lächerlichkeit ausgesetzt werden könnten. Sie selbst äußern sich zu dieser Selbsterfahrung aber überwiegend positiv: „Es hat sich gut angefühlt.“ So setzt das Experiment, eine Verbindung zwischen der blinden und der sehenden Welt zu schaffen, auf beiden Seiten die Bereitschaft voraus, die gewohnten Bahnen der eigenen Vorstellungswelt zu verlassen.