Über rauhem Grund

Filmplakat: Über rauhem Grund

FBW-Pressetext

Sie sitzen jeden Tag da, egal um welche Uhrzeit. Reden, trinken, starren vor sich hin. Manchmal gibt es Grund zur Freude, manchmal Grund zum Protest. So wie heute. Denn die Bierpreise wurden erhöht. Das darf man sich doch nicht gefallen lassen! Aber was kann man schon tun, bis auf leise vor sich hin zu murmeln. Und so geht der Alltag in der Kneipe weiter. Bis der Tod ganz plötzlich den Raum betritt. Der Filmstudentin Youdid Kahveci von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ist in neun Minuten eine bedrückend authentische Milieustudie gelungen. Eine typische Berliner Eckkneipe dient als Setting und das exzellent zusammengestellte Cast könnte nicht besser gewählt sein, um das Lebensgefühl der Hartz IV-Gesellschaft realistisch wiederzugeben. Zwischen passiver Melancholie und trotziger Wut changieren die Emotionen und erst, als eine aus ihrem Kreis stirbt, ändert sich der Ton. Aus der Hoffnungslosigkeit erwacht ein letztes Aufbäumen und ein Solidaritätsgefühl gegenüber „denen da draußen“, wunderbar eingefangen in surrealen Bildern, die den Zuschauer noch lange beschäftigen. Authentisch packendes und gleichzeitig magisches Kurzfilmkino.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Kurzfilm
Regie:Youdid Kahveci
Darsteller:Fred Boersch; Jürgen Büttner; Corinna Fuhrmann; Brigitte Geier; Jürgen Kujath; Eckhard Lazusch; Jens-Holger Mey; Thomas Noffke; Hans Jörg Pobudek; Mex Schlüpfer; Wolfgang Schreiber; Roswitha Selle; Eduard Weis
Drehbuch:Youdid Kahveci
Kamera:Cornelius Plache
Schnitt:Kathrin Dietzel
Webseite:dffb.de;
Länge:8 Minuten
Verleih:DFFB
Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin GmbH (DFFB), Arte G.A.I.E.;
Förderer:dffb

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ein Abend in einer Berliner Kneipe. Es sind die da, die immer da sind. Sie trinken, starren vor sich hin und reden, worüber sie immer reden. Sie beklagen sich über die steigenden Bierpreise und Hartz IV, schimpfen routiniert über den Kapitalismus, erzählen Banales mit großer Inbrunst. Wenn nötig, hat die Wirtin die passende Entgegnung parat. Man kennt sich, man mag sich, oder mag sich nicht. Eine eingeschworene Gemeinschaft, ein ganz gewöhnlicher Abend – bis eine Frau plötzlich tot zusammenbricht. Man tut, was man tun muss: unternimmt Wiederbelebungsversuche, ruft den Rettungswagen. Der kann auch nichts mehr tun. Aber damit will es die Kneipengesellschaft nicht bewenden lassen.

Regisseurin Youdid Kahveci bringt uns in ihrem Film, aufgenommen im klassischen 4:3-Format mit vielen Nah- und Großaufnahmen, eine typische Berliner Eckkneipe und ihre Besucher nahe. Dabei trifft sie die Atmosphäre des Ortes und den Tonfall der Protagonisten genau. Die Laiendarsteller mit ihren markanten Gesichtern wirken absolut authentisch und sind überzeugend in ihren Reden. Der Zuschauer sieht und hört mit Erstaunen und Interesse zu und wird durch das gut gesetzte Licht, die sich gekonnt im Raum bewegende Kamera, den präzisen Ton und exakten Schnitt bald vollkommen in das Geschehen einbezogen. Damit ist eine Teilnahme erreicht, die den Zuschauer mit den Protagonisten hoffen lässt, dass der banale Tod in der Kneipe und das mit Sicherheit folgende anonyme Begräbnis nicht das Ende der Geschichte sein kann. Das vorher mäandernde Hartz IV-Gerede bekommt eine neue Qualität, als die Kneipengesellschaft sich zu einem letzten solidarischen Akt entschließt: Gemeinsam tragen sie die Tote über einen Platz zu einem Ufer, wo sie von einem düsteren Fährmann über das Wasser gerudert wird.

Zwar ist der Übergang von der quasi dokumentarischen Beobachtung, die mit dem realistischen Szenario des Rufens eines Rettungswagen endet, zum poetisch-surrealen Finale, das mit dem Leichenzug beginnt, im Rhythmus der Bilder nicht optimal aufgelöst. Inhaltlich jedoch ist es die konsequente Fortführung und notwendige surrealistische Auflösung der Geschichte: Wenn die realen Zustände aussichtslos erscheinen, hilft nur die Flucht in die Phantasie. Damit steht ÜBER RAUHEM GRUND in der besten Tradition von Vittorio De Sicas DAS WUNDER VON MAILAND und anderer Klassiker des italienischen Neorealismus, die Sozialkritik mit märchenhaften Elementen verbinden. Youdid Kahveci und ihrem Team ist ein zutiefst humaner Film gelungen, der für die Würde des Menschen im Leben und im Tod plädiert, und noch lange nachhallt.