The Void Inside

Filmplakat: The Void Inside

FBW-Pressetext

Ein Stück von sich selbst zu verkaufen, um sorgenbefreit leben zu können: Das ist der Plan von Vahid, der in Teheran lebt und als letzten Ausweg vor einer Haftstrafe eine seiner Nieren verkaufen will. Und während er sein Organ über eine öffentliche Pinnwand feilbietet, macht er sich Gedanken, wofür er das Geld vielleicht lieber ausgeben würde. Denn Vahid hat große Träume. Die, wie er findet, große Opfer wert sind. Regisseur Julian Dieterich, der an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF studiert, hat seinen Film im Rahmen eines Austauschs mit der University of Arts in Teheran gedreht. Auf bemerkenswerte Weise gelingt ihm ein ganz persönlicher Einblick in eine fremde Welt. Durch den völligen Verzicht auf einen Kommentar und die sehr nahen Aufnahmen des Protagonisten fühlt man sich als Betrachtende*r schon bald auch Vahid selbst sehr nah und kann seine Träume und Wünsche nachvollziehen. Die Bemerkungen eines älteren Autoverkäufers, der Vahids Entscheidung hinterfragt, fügen der Thematik noch eine kluge, generationsübergreifende Komponente hinzu. Auch das macht den vom Kameramann Leander Ott exzellent fotografierten Kurzdokumentarfilm zu einer außergewöhnlichen und sehr persönlichen Dokumentation eines Einzelschicksals, welches auf eine größere Frage verweist: Wie viel sind wir bereit zu geben für ein vermeintlich besseres Leben?
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Julian Dieterich
Kamera:Leander Ott
Schnitt:Martin Herold
Länge:18 Minuten
Produktion: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Förderer:Filmuniversität Babelsberg

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Selbst wenn man fremde Länder bereist, ist nicht gewährleistet, dass man ihre Kultur versteht oder auch nur das Alltagsleben begreift, also das, was die Menschen auf der Straße umtreibt. Einmal mehr macht das Julian Dieterichs Kurzfilm THE VOID INSIDE bewusst, der ein hierzulande völlig unbekanntes Leben von Jugendlichen im Iran fokussiert.

Zu Beginn nur Schwarzfilm, von Untertiteln durchbrochen, während im Off Töne mehrerer Telefonate zu hören sind. Auf Farsi werden gesundheitliche Daten abgefragt. Von wem? Wozu? - Der Zuschauer hat keine Ahnung – noch nicht! Obwohl anfangs Stimmen zu hören sind, ergibt das bestimmende Schwarz des Beginns kein wirkliches Bild. Der Film zeigt letzten Endes nur, dass es hier noch nichts zu sehen gibt, dass aber wird sich ändern.

Es braucht tatsächlich einige Zeit bis die Jury den Sinn der Anrufe dechiffrieren kann, mit denen THE VOID INSIDE beginnt. Der dokumentarische Kurzfilm entführt seine Zuschauer in die Hauptstadt des Iran, wo Vahid offenbar in eine Schlägerei verwickelt war. Die Familie seines Kontrahenten fordert Blutgeld: 75 Mio. Rial und Vahid könnte dem Gefängnis entgehen. Das ist eine Menge Geld und so verfällt er auf die Idee, eine Niere zu verkaufen.

Beinahe, so die Jury, meint man, dass THE VOID INSIDE die Dokumentarebene verlässt, so geschickt ergänzen sich dann, im weiteren Verlauf, Schwarzfilm und Szenen aus der neonbeleuchteten Nacht. Wenn nicht mitgeschnittene Telefongespräche zu hören sind, dann ist es der Verkehrslärm Teherans, der die Atmosphäre der Stadt, in der Vahid lebt, authentisch widerspiegelt. Das wirkt nicht nur ästhetisch, das sind vor allem sehr eindringliche, direkte und nahe Bilder einer verstörenden Wirklichkeit. In der Diskussion würdigt die Jury THE VOID INSIDE nicht nur als formal sehr gut gemachten Film, sondern auch als Dokumentation einer unbekannten Wirklichkeit.

Regisseur Julian Dieterich berichtet aus einer Welt, die für Westeuropäer zunächst nur schwerlich fassbar ist. Schriftzüge und kleine Zettel an Mauern und Laternenpfählen aber zeigen deutlich: Offensichtlich ist es im Iran nicht unüblich, eine Niere zu verkaufen, zu welchem Zweck auch immer.

THE VOID INSIDE zeigt diese Art des Organspendens bzw. Organhandels nicht etwa als schreienden Skandal, sondern quasi als Normalität einer Gesellschaft, vor der der Westen gerne die Augen verschließt, auch wenn es Parallelen gibt. Als Vahids Kontrahent die Forderung nach Blutgeld einstellt, ist es Vahid selber, der sich fragt, ob er nicht doch seine Niere spenden soll, damit er sich von dem Geld einen Traum erfüllen kann: ein eigenes Auto, mit dem er vielleicht sogar Drifting-Videos drehen kann, so wie seine Helden es machen, die Influencer der Autotuner-Szene in den sozialen Netzwerken. Jugendliche Tollheit, die, auch das zeigt der Film, auch iranische Erwachsene nur ablehnen können.

Vor dem gesellschaftlich relevanten Inhalt erweist sich THE VOID INSIDE als stofflich beeindruckende Dokumentation, die die Jury genauso aber auch formal voll überzeugt hat. Daher vergibt sie dem Film gerne das Prädikat „besonders wertvoll“.