Sushi in Suhl

Kinostart: 18.10.12
VÖ-Datum: 27.03.13
2012
Filmplakat: Sushi in Suhl

FBW-Pressetext

In der DDR der 1970er Jahre hatte es ein Koch schwer, mit all den Einschränkungen lukullisch kreativ zu sein. So geht es auch Rolf Anschütz, der von der Weltküche träumt, doch letzten Endes immer nur Gulasch und Klöße zubereitet. Eines Tages aber trifft ihn die Inspiration in Form der japanischen Küche. Und Rolf Anschütz beschließt: Der Arbeiter- und Bauernstaat ist reif für Reiswein und Wasabi! Allerdings hat er da die Rechnung wohl ohne die Funktionäre gemacht. Denn die wehren sich gegen die imperialistischen Speisen. Zumindest am Anfang. Keine thüringische Legende, sondern das wahre Leben stand Pate für diesen zauberhaften Film von Regisseur Carsten Fiebeler. Den ambitionierten Koch, glaubhaft und mit Schalk verkörpert von Uwe Steimle, gab es ebenso wie die „Japan-Abteilung der Gaststätte Waffenschmied“, die anhand von liebevoll arrangierten Details und kleinen genialen Einfällen wieder aufersteht. Die Geschichte wird ganz ohne Kitsch und Übertreibungen erzählt, ein Blick mit Augenzwinkern geht in Richtung DDR-Funktionäre, ansonsten merkt man stets den warmherzigen Umgang mit Figuren und Geschichte. Am Ende des Films lernt Anschütz nicht nur Japan selbst kennen, sondern merkt auch, wie wichtig ihm seine Heimat ist. Und der Zuschauer hat es nicht schwer, dieses Gefühl nachzuempfinden. Die charmante und unglaubliche Geschichte eines kulinarischen Lebenstraums zwischen Sushi und Würzfleisch!

Filminfos

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll erteilt.

Deutsche Demokratische Republik. Thüringen. Suhl. HO-Restaurant Waffenschmied. Der Koch Rolf Anschütz und seine Frau und Sohn. Rolf ist es leid, nur Würzfleisch zu kochen. Er will das Besondere und ist fasziniert vom japanischen Essen. Er ist nicht nur fasziniert, er ist ein Besessener, der für seine Leidenschaft selbst die Familie aufgibt. Denn es ist gar nicht so einfach in der DDR, japanisches Essen des Klassenfeinds in einem staatlich gelenkten Gastronomiebetrieb durchzusetzen. Die Vorgesetzten: Wo käme man hin, wenn der Individualismus bei uns um sich greift und jeder macht was er will, einer der hier subversive Begehrlichkeiten eines Raubtierkapitalismus weckt.

Der Sohn von Rolf Anschütz ist der Erzähler in diesem wundervollen mit viel Liebe zum Detail entstandenen Film, der die erstaunliche Erfolgsgeschichte zum einzigen weltberühmten japanischen Restaurant in der DDR begleitet. Die ersten Schritte wie der Vater alles auf Japanisch trimmt, Tische und Stühle mit dem Fuchsschwanz auf die richtige Höhe kürzt, und für seine besten Freunde aus den schmalen Ressourcen der DDR-Verkostungsmöglichkeiten Japanflair herbeizaubert. Dann der erste echte Japaner, der in diesem Lokal japanisch essen will, Nachhilfe leistet und zum Freund wird. Es folgen noch viele Japaner, dann viele Delegationen und vor allem DDR-Bürger. Fast 2 Millionen Menschen haben im Waffenschmied gegessen, getrunken und gefeiert. Selbst am japantypischen Pool für die Ganzkörperreinigung vor dem Essen fehlt es nicht und sorgt für Furore. Für die Völkerfreundschaft geht man eben gerne nackend baden und erzeugt ein Glücksgefühl der Gemeinsamkeit.

Der Film beginnt langsam, lässt sich einige Zeit, uns die ersten Schritte des Ausbrechens aus der Alltagsroutine erleben zu lassen. Dann nimmt der Film Fahrt auf und mit hoher Dichte geht es auf die erstaunliche Reise dieser Erfolgsgeschichte, die den Koch bis nach Japan führt.
Wir sehen viele authentische und charmante Details mit exzellenter Ausstattung bis hin zu einer gekonnt gedeckten Farbstimmung dieses Rückblicks auf eine verlorene Zeit. Die Darsteller, hervorragend besetzt, ergeben ein in sich geschlossenen Kosmos der Nostalgie, ohne ein Romantisieren der Verhältnisse. Im Zentrum des Films der Künstlerkoch, der seine Ideen lebt und sich nicht aufhalten lässt. So neben bei wird das aberwitzige Dumpfbackendenken der Funktionärsklasse fröhlich auf die Schippe genommen.
Die Komödie entschleunigt die Fahrt am Ende, die Japanepisode im Krankenhaus nimmt die Spannung, wirkt zeitlich aufgesetzt. Aber das bedeutet für den Spaß an der komödiantischen Tragik dieses Sozial-Soziogramms mit seinem mikroskopischen Blick auf die DDR-Verhältnisse und ihren kleinen Wundern zwischen Würzfleisch und Sushi keinen Abbruch. Man geht fröhlich gestimmt und gesättigt aus diesem schönen Stück Kino.