Misty Picture

FBW-Pressetext

Am 11. September 2001 wurde das World Trade Center in New York zum Ort eines terroristischen Anschlags. Die beiden Türme, die jahrzehntelang Teil der ikonischen Skyline Manhattans waren, stürzten ein. In MISTY PICTURE, dem neuen Found-Footage-Experimentalfilm von Christoph Girardet und Matthias Müller, ist eben jenes World Trade Centre der Hauptdarsteller. Aus unzähligen Hollywood-Filmproduktionen haben Girardet und Müller Establishing Shots und Supertotalen herausextrahiert, in denen das World Trade Center zu sehen ist. Die Bilddramaturgie wird dabei bestimmt von sich ähnelnden Einstellungen, Kamerabewegungen und Inszenierungen. Deutlich vermittelt sich dabei die Macht und das Pathos der Architektur, die das jeweilige Bild beherrschen. Zusätzlich vermittelt die exzellente Soundebene mit einem dramatischen Score eine unheimliche Spannung, die das Kopfkino der Zuschauer*innen in Bewegung setzt und unausweichlich das Ende der Türme heraufbeschwört – ohne diese Bilder auch nur einmal zu zeigen. Ein Film über die Ikonografie des Übermächtigen – und seine Vergänglichkeit.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Experimentalfilm; Kurzfilm
Regie:Christoph Girardet; Matthias Müller
Drehbuch:Christoph Girardet; Matthias Müller
Schnitt:Matthias Müller; Christoph Girarde
Musik:Chris Jones
Länge:16 Minuten
Produktion: Christoph Girardet & Matthias Müller
FSK:0
Förderer:FFA

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die Freiheitsstatue auf Liberty Island und die Twin Towers des World Trade Centers sind bzw. waren Ikonen der an Sehenswürdigkeiten nicht gerade armen Metropole New York und gehör(t)en zu den wohl meist gefilmten Wahrzeichen der Stadt am Hudson River. In Ihrem experimentellen Kurzfilm Misty Picture haben die beiden Filmemacher Matthias Müller und Christoph Girardet Filmausschnitte aus US-amerikanischen Filmen gesammelt, neu arrangiert und mit Musik versehen.

Ihre fließende Annäherung an diese beiden Bauwerke wirkt manchmal fast wie ein filmisches Quiz oder Memory und eine Erinnerung an all die großen Werke, der 1970er, 1980er, 1990er und 2000er Jahre, die in New York spielten. Immer wieder glaubt man anhand der kurzen Ausschnitte, die Bilder bestimmten Werken zuordnen zu können, ganz sicher oder eindeutig jedoch sind die Ausschnitte fast nie gewählt, sondern bleiben immer mysteriös und wirken so bei aller Bekanntheit stets auch ein wenig der Welt entrückt - ganz so, wie dies Ikonen so an sich haben. Und zugleich erzeugt die überzeugende Komposition und Dramaturgie einen unwiderstehlichen Sog, in den die Zuschauer förmlich hineingezogen werden, um sich dort einem Spiel der Assoziationen und Gedanken über die Macht der (filmischen) Bilder zu überlassen, ohne dass dabei bestimmte Ideen vorgegeben erscheinen.

Darüber hinaus verdeutlicht der Film, wie sehr sich bestimmte Gebäude unserem durch das Kino Kollektiv geprägten Unterbewusstsein förmlich eingeschrieben haben. Und auch, dass es nicht nur auf das Gezeigte ankommt, sondern auch auf das, was wir nicht sehen, was uns vorenthalten wird. Denn künftige Filme über New York werden keine glaubwürdigen Zukunftsvisionen der Stadt mehr entwerfen können, auf denen die durch die Anschläge am 11. September 2001, zerstörten Zwillingstürme zu sehen sind - ganz einfach, weil es sie nicht mehr gibt. In unserer Erinnerung indes leben sie weiter und wirken immer noch auf seltsame Weise vertrauter als das Wissen um ihre Nicht-Existenz.

Nahtlos fügt sich Misty Picture in das bisherige Oeuvre von Matthias Müller und Christoph Girardet ein, die in ihren sorgfältig komponierten Found Footage-Filmen Werken des Kinos zu Leibe rücken und Szenen aus diesen neu arrangieren, um so den Bildern neue, zuvor verborgene Bedeutungsebenen und Assoziationen abzuringen. Wie das eben bei großer Kunst stets der Fall ist.

Die Jury der FBW erteilte dem Film einstimmig das Prädikat „besonders wertvoll“.