Mensch, Kotschie

Kinostart: 18.03.10
2009
Filmplakat: Mensch, Kotschie

FBW-Pressetext

Bauingenieur und Familienvater Jürgen Kotschie wird bald 50, was ihn deutlich aus der Bahn wirft. Irgendwie stolpert er mehr durch sein Leben, als dass er noch einem klaren Gedanken oder Ziel folgen könnte. Erst der Tod des Vaters und das Wiedersehen mit der ehemaligen Geliebten bringen die Dinge wieder ins Rollen. Anders als viele Filme zum Thema Midlife Crisis und verpasste Chancen widmet sich diese deutsche Produktion mit einer wohltuenden Leichtigkeit und Nachsicht seinem Sympathieträger Kotschie. Die erzählerische Bandbreite reicht von Slapstickeinlagen auf der Herrentoilette, so mancher absurden Begegnung im Baumarkt bis hin zum rührenden Auftritt in einer Karaoke-Bar. Dazu kommen originelle filmische Einfälle, wunderschöne Kameraaufnahmen, eine ungewöhnliche musikalische Begleitung und überzeugende Darsteller. Norbert Baumgarten hat fein beobachtet und treffend inszeniert. Ein durchweg heiterer, ansprechender Film und gleichzeitig ein lebensbejahender Denkanstoß!

Filminfos

Kategorie:Arthouse
Gattung:Spielfilm; Tragikomödie
Regie:Norbert Baumgarten
Darsteller:Ulrike Krumbiegel; Claudia Michelsen; Stefan Kurt; Axel Werner
Drehbuch:Norbert Baumgarten
Länge:96 Minuten
Kinostart:18.03.2010
Verleih:Falcom Media
Produktion: Junifilm GmbH, SWR, BR, Koppfilm
FSK:12
Förderer:BKM; MBB; DFFF; MDM; KJDF

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Jürgen Kotschie ist ein freundlicher Mensch und hat im Leben viel erreicht: Er hat einen verantwortungsvollen Beruf in der Baubranche, ein schönes Eigenheim, eine nette Frau und einen heranwachsenden Sohn. Er singt im Chor, sein Vater ist im Pflegeheim. Doch kurz vor seinem 50. Geburtstag gerät Jürgen Kotschie in eine tiefe Sinnkrise. Während seine Frau mit Verve die Geburtstagsfeier vorbereitet, spürt er die Zeichen des körperlichen Verfalls. Im Job fühlt er sich zunehmend überfordert und misstraut seinen Kollegen. In der Familie erfährt er schmerzlich den Mangel an Kommunikation und Perspektive. Jürgen Kotschie trauert vergebenen Chancen nach, vor allem Carmen Schöne, mit der er einst eine Affäre hatte. Nun spukt sie ihm immer häufiger durch den Kopf und durch seine Träume. Jürgen Kotschie verliert zunehmend den Halt. Versucht er anfangs noch, den verlorenen Faden zu Frau und Sohn wieder aufzunehmen und im Büro den Schein zu wahren, lässt er sich bald immer mehr fallen, bis er eines Tages nicht mehr rechts abbiegt, um nach Hause zu kommen, sondern geradeaus ins Ungewisse fährt.

All dies zeigt der pointiert humorvolle Film von Norbert Baumgarten in wunderbar überhöhten und teils absurden Bildern, die an andere Filme wie American Beauty und Blue Velvet denken lassen und von Slapstick-Sequenzen bis zu melancholischen Momenten reichen. Einige Szenen und viele hübsche einzelne Ideen fügen sich zu schönen Kapriolen, etwa wenn sich die Traumbilder von den zwei Frauen oder Kotschies Schilderungen seines nervlichen Zusammenbruchs sich mit den Telefonaten wegen des Geburtstagsbuffets verbinden. Die einzelnen Rollen sind gut besetzt und überzeugend gespielt. Die Musik treibt die Handlung voran.

Ihre Faszination erzielt die Geschichte vor allem auf der Bildebene. Die herausragende Kamera zeigt die bürgerliche Oberfläche und ihre Abgründe klar, glatt und sauber und in den Plansequenzen in einem satten Bunt, das an eine Playmobil-Welt erinnert. Die den Film prägende Architektur kommt gut zur Geltung und kann sich im Raum entfalten. Die Geometrie der Bauten und die leere Weite der Landschaften korrespondieren mit der psychischen Verfassung des Helden.

So macht der Film gut nachvollziehbar, wie der nette Herr Kotschie komplett den Faden verliert und ins fortschreitende Delirium gleitet.