La Nana - Die Perle

Kinostart: 17.06.10
2009
Filmplakat: La Nana - Die Perle

FBW-Pressetext

Das 41-jährige Dienstmädchen Raquel hängt nach 23 Jahren Haushaltsarbeit bei einer chilenischen Oberschichtsfamilie an den Kindern. Und doch fristet sie ein Dasein in Einsamkeit, ohne Freunde und weit weg von ihrer eigenen Familie. Nachdem sie aus Angst um ihre Position zwei zusätzliche Haushaltshilfen erbarmungslos vergrault, schafft es die dritte mit viel Humor, die verhärmte Raquel aus der Reserve zu locken und ihr neue Perspektiven zu geben. Dem jungen chilenischen Regisseur Sebastián Silva gelang mit der Wahl der Hauptdarstellerin Catalina Saavedras ein Glücksgriff - ihr Gesicht und die sparsame Mimik erzählen eine ebenso realistische wie berührende Story von Klassenunterschieden, Abhängigkeiten und sozialer Verantwortung. Der authentische Stil der bewegten Handkamera führt zudem dicht in das zeitweise beinahe klaustrophobisch enge Leben im Familienhaushalt. LA NANA mischt in intensiver Form den distanzierten Blick auf eine noch von feudalen Strukturen geprägte Gesellschaft mit der warmherzigen und spannenden Entwicklungsgeschichte einer komplexen Hauptfigur.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Sebastián Silva
Darsteller:Alejandro Goic; Catalina Saavedra; Claudia Celedón; Andrea García-Huidobro; Mariana Loyola; Agustín Silva; Darok Orellana; Sebastián La Rivera
Drehbuch:Sebastián Silva; Pedro Peirano
Kamera:Sergio Armstrong
Schnitt:Danielle Fillios
Webseite:arsenalfilm.de;
Länge:92 Minuten
Kinostart:17.06.2010
Verleih:Arsenal
Produktion: Forastero, Santiago de Chile, Tiburón Filmes; Punto Guion Punto Producciones;
FSK:6

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Raquel begeht ihren 41. Geburtstag. 23 Jahre hat sie als Hausmädchen bei einer Familie der chilenischen Oberschicht verbracht: Den Haushalt geführt, die Kinder großgezogen. Dabei hat sie ihren festen Platz in der Familie erobert, aber ihr eigenes Leben verloren. Es geht ihr nicht gut: Sie wird von Migräne und Schwindelanfällen geplagt. Dennoch widmet sie sich weiter ihren Pflichten und führt ein eisernes Regiment im Hause. Darunter hat vor allem Tochter Camilla zu leiden, mit der sich Raquel einen erbitterten Kleinkrieg liefert. Das ist bald auch für die Hausherrin nicht mehr zu übersehen. Um ihre „Perle“ zu entlasten und die allgemeine Stimmung zu verbessern, stellt sie eine zweite Haushaltshilfe ein. Aber Raquel ist keinesfalls bereit, ihr Reich zu teilen – weder mit der hübschen jungen Peruanerin Mercedes noch mit der energischen und kampferprobten Sonia. Sie sperrt ihre Rivalinnen einfach aus und schafft es mit allerhand Schikanen, seelischen Grausamkeiten und handfesten Auseinandersetzungen, sie aus dem Haus zu treiben. Aber Raquels Sieg ist nur von kurzer Dauer. Sie bricht erschöpft zusammen und muss für eine Weile das Bett hüten. Als sie die Arbeit wieder aufnimmt, hat ein neues Hausmädchen ihren Platz eingenommen.

Die gleichaltrige Lucy ist fröhlich und ausgeglichen und schafft es sogar, nach der Arbeit noch joggen zu gehen. An ihrem Humor und ihrer Widerstandsfähigkeit prallen Raquels Schreckenstaktiken im Haushalt einfach ab. Das beeindruckt selbst Raquel. Allmählich schwindet ihr Missmut und die beiden Frauen freunden sich an. Lucy lädt Raquel über Weihnachten zu ihrer Familie aufs Land ein, wo Raquel als Gleichwertige liebevoll aufgenommen wird und sogar eine kleine Romanze erlebt. Für Lucy ist allerdings klar, dass sie nicht auf Dauer fern ihrer Familie leben kann. Gerade als Raquel eine Überraschungs-Geburtstagsparty für ihre neue Freundin organisiert, verkündet Lucy, dass sie sich entschieden hat, auf die Farm zurückzukehren. Wird Raquel ihre neu gewonnene Leichtigkeit und Sicherheit auch ohne ihre Freundin bewahren können?

LA NANA – DIE PERLE ist die ungewöhnliche „Geschichte einer Dienerin“ jenseits aller Konventionen und Klischees, die in der Thematik angelegt sind. Der chilenische Regisseur Sebastián Silva erzählt eine Geschichte, die er aus seiner eigenen Jugend gut kennt. Auch in seiner Familie gab es Hausmädchen, die im Haushalt lebten und „mehr oder weniger zur Familie gehörten“. Um diese Uneindeutigkeit geht es ihm und deshalb konzentriert er sich auf das Innenleben der Protagonistin und das ambivalente Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie. Eingerahmt von zwei Geburtstagen – Raquels Geburtstag zu Beginn und Lucys Geburtstag am Ende – erzählt er in drei Akten von Raquels Verlorenheit, ihrem erbitterten Kampf um ihre Stellung und ihrem erwachenden Selbstbewusstsein. Dabei bleibt der Film, der unter häufiger Verwendung der Handkamera bei natürlichem Licht und weitgehendem Verzicht auf traditionelle Filmmusik in Dogma-Manier gestaltet ist, stets ganz nah bei seiner Protagonistin. Es gibt mehr Schwenks als Schnitte und viele Groß- und Detailaufnahmen, denen keine Regung entgeht. Nur in wenigen Szenen (zu Tätigkeiten in Garten, an ihrem freien Tag und ihrem Weihnachtsaufenthalt bei Lucys Familie) geht die Kamera mit Raquel nach außen, sonst bleibt sie in dem großbürgerlichen Haushalt gefangen und schildert mit Akribie die Alltagsabläufe, aus denen sich nach einiger Zeit das ganze Drama erschließt.

Schon aus diesem Setting wird klar, dass dieser Film von Begrenzungen handelt. Raquel hat ihr eigenes Leben aufgegeben und ist „mehr oder minder“ Teil der Oberschicht-Familie geworden. Tagein tagaus trägt sie den Dienstmädchenkittel, der ihr gestellt wird, um die eigene Kleidung zu schonen, für die sie längst jeglichen Maßstab verloren hat. Die Jacke, die sie zum Geburtstag geschenkt bekommt, lehnt sie ab, um sich später die gleiche Jacke zu kaufen, die die Hausherrin trägt und die sie selbst nie anziehen wird.

Es geht um Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein, drinnen oder draußen. Gleich die erste Szene an Raquels Geburtstag zwischen Küche und Salon deutet an, was später offensichtlich wird, als Raquel ihre Konkurrentinnen einfach aussperrt, um sie im wahrsten Sinne „außen vor“ zu lassen. Auch in ihrem Zimmer voller Stofftiere fühlt sich Raquel nicht zuhause. Ihr Reich ist die Küche, ihr Herrschaftselement ist der Staubsauger.

Mit 18 Jahren hat sie ihre Familie (und – das Telefongespräch mit der Mutter am Ende könnte es andeuten – vielleicht auch ihre eigenen Kinder) verlassen, um mit einer fremden Familie zu leben und fremde Kinder großzuziehen. Über die Kinder weiß sie besser Bescheid als deren eigene Mutter. Daraus bezieht sie ihre Stärke, aber daraus entstehen auch immer wieder Ambivalenzen und Grenzüberschreitungen gegenüber den älteren Kindern, die anfangen zu revoltieren und gegenüber der Hausherrin, die sich ihrer „Perle“ verpflichtet fühlt und sie nicht missen möchte. Obwohl kein böses Wort fällt, weiß Raquel intuitiv, dass ihr „Glück“ nur von der Familie geborgt ist und dass ihre Stellung bedroht ist, wenn sie nicht alle Vorgänge im Hause unter Kontrolle hält. Eine Entlastung käme einer Entlassung nahe. Deshalb kann sie unter keinen Umständen eine zweite Bedienstete neben sich dulden und sabotiert und schikaniert die „andere“ mit allen Mitteln. Erst Lucy, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in den „Job“ einbringt, schafft es, eine Wandlung einzuleiten.

LA NANA – DIE PERLE ist ein Ensemblefilm par excellence, der mit Catalina Saavedra eine brillante Hauptdarstellerin hat. Mit großer Eindringlichkeit verkörpert sie die verschlossene Raquel als ebenso verunsicherte wie verstockte Person, in der sich tiefe Abgründe auftun. Ihre Mimik, die nuancenreich zwischen versteinerter Erschöpfung, unerbittlicher Boshaftigkeit und erwachender Neugier wechselt, prägt diesen Film. Indem er sich ganz auf Raquels Blicke und Gesten konzentriert und die Abläufe und Beziehungen innerhalb des Haushalts genau beobachtet, gelingt dem Film zweierlei: Er zeichnet ein eindringliches Psychogramm einer verlorenen Hausangestellten und leistet gleichzeitig Kritik an einer Gesellschaft, in der auch im liberalen, intellektuellen Milieu an überkommenen feudalen Strukturen festgehalten wird.