Kleine Germanen

Kinostart: 09.05.19
2018
Filmplakat: Kleine Germanen

FBW-Pressetext

Auf eindrucksvolle und klug reflektierte Weise erzählt der Dokumentarfilm KLEINE GERMANEN von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh von Kindern und Jugendlichen, die in einem rechten, neonazistischen Umfeld aufwachsen.

Als Kind denkt man nicht an Politik. Man denkt nicht an Vorurteile, an Ideologien, an Religion, an Abgrenzung. Als Kind ist man unschuldig. Doch man orientiert sich an dem, was die Erwachsenen sagen, denken, nach außen tragen. Und übernimmt ihre Muster – in einer Spirale, die sich immer weiter nach oben schraubt. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh erzählen in ihrem Dokumentarfilm KLEINE GERMANEN die Geschichten von Kindern, die in einem rechten, neonazistischen Umfeld aufwachsen. Um all die verschiedenen Schicksale, die sie in der Recherche aufgegriffen haben, deutlich zu machen, wählen sie eine animierte Geschichte, die das Schicksal von Elsa verdeutlicht. Sie wächst unter der Obhut ihres Opas, eines ehemaligen SS-Soldaten, auf und wird von ihm mit „germanischem“ Gedankengut geimpft. Ihr ganzes Leben lang wird davon geprägt sein – bis sie spürt, dass ihre eigenen Kinder unter ihrer eigenen Haltung leiden müssen. Und sie den Ausstieg wählt. Geiger und Farokhmanesh stützen diesen sich aus vielen Geschichten speisenden Handlungsstrang mit Gesprächen mit rechten Aktivisten, die von den Filmemachern nie vorgeführt werden. In offenen Interviews erzählen sie von ihrer eigenen Kindheit und von ihrer jetzigen Position als Eltern, die ihren Kindern Werte vermitteln wollen. Die Filmemacher halten sich in ihrer Kommentierung zurück, lassen die Äußerungen stehen und nehmen den Zuschauer ernst in seinem eigenen Urteilsvermögen. Gleichzeitig wird durch die sehr kluge Montage, die erläuternden Expertenstandpunkte und die immer bedrückender werdende Geschichte Elsas auch die kritische Haltung von Geiger und Farokhmanes deutlich. Um das Spektrum der Ansichten zu komplettieren, kommen auch junge Menschen zu Wort, die den Ausstieg rechts geschafft haben und sich von der Ideologie ihrer Eltern lösen konnten, als sie als junge Erwachsene mit Andersdenkenden in Berührung gekommen sind. Der Film endet mit der Mahnung, dass sich Geschichte wiederholen kann. Nicht nur im großen gesellschaftlichen Rahmen. Sondern auch und gerade im Kern der Familie. Ein kluger, reflektierter und gerade in der heutigen Zeit immens wichtiger Film.

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Frank Geiger; Mohammad Farokhmanesh
Drehbuch:Frank Geiger; Mohammad Farokhmanesh; Armin Hofmann
Kamera:Marcus Winterbauer
Schnitt:Andrew Bird; Habiba Laout; Frank Geiger
Musik:Siegfried Friedrich
Länge:90 Minuten
Kinostart:09.05.2019
Verleih:Little Dream
Produktion: brave new work filmproductions GmbH, Little Dream Entertainment; Golden Girls Filmproduktion;
FSK:12
Förderer:MFG Baden-Württemberg; DFFF; FilmFonds Wien; Media; Film- und Medienstiftung NRW

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

„Islamfreie Schulen“, „Kinder Willkommen“, „Neue Deutsche? - Machen Wir Selber!“. Diese und ähnliche Sprüche finden sich auf den Wahlplakaten rechter Parteien. Was wirklich dahinter steckt, und vor allem, wie eine Kindheit in einem extrem rechtsextremen Haushalt vorzustellen ist, das versucht KLEINE GERMANEN aufzudecken.

Äußerst feinfühlig arbeitet sich der Dokumentarfilm von Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger an das Thema heran. Dafür erzählt er die Lebensgeschichte von Elsa. Angefangen von ihrem Spiel mit dem Großvater über ihre eigene Familiengründung, bis hin zur Loslösung aus rechtsextremen Zusammenhängen ist ihre Biographie von generellem Misstrauen, Fremdenfeindlichkeit und Ängsten geprägt. Das ist eine Feststellung, die betroffen macht. Weil Menschen des rechten Spektrums sich im öffentlichen Leben durch fremde Kulturen und linke Einflüsse bedroht fühlen, scheint es naheliegend, dass sie sich ausschließlich auf eigene Peergroups verlassen, sei es die Familie oder eine rechtsextreme Gemeinschaft.

KLEINE GERMANEN folgt einem interessanten, dramaturgischen Konzept. Durch seine Einfühlsamkeit gelingt es dem Dokumentarfilm, ein Gespür für das Klima in diesen Peergroups zu vermitteln. Dem durch die Ängste entstehenden Druck von außen wird ein innerer Druck entgegen gesetzt. Diskurse sind alleine dadurch beinahe unmöglich. Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger gelingt es, genau durch genau diese Beobachtungen und Feststellungen Sympathie für die Kinder und Jugendlichen innerhalb dieser Systeme zu entwickeln.

Fehlende Bilder - sei es, weil Bildmaterial schlichtweg fehlt, sei es zum Schutz betroffener Kinder vor der Öffentlichkeit – weiß KLEINE GERMANEN dabei durch liebevoll gestaltete Animationssequenzen zu ergänzen. Alle „hard facts“ werden dagegen zumeist eingesprochen oder von Eltern oder Erziehern der rechten Szene in Interviews gegeben. Das Interessante: Nicht jedes Statement ist dabei per se zu verdammen. Fehlende Zeit für Kinder, die Digitalisierung der Lebenswelt und viele Themen mehr sind allgemein kommunizierte Problematiken. Immer wieder konnten die Jurymitglieder entdecken, wie sie auch ihren eigenen Standpunkt bezüglich der angesprochenen Problematiken hinterfragten, immer wieder aber konnten sie auch entdecken, dass eben nicht einzelne Argumente zu hinterfragen sind, sondern die demokratiefeindliche Haltung, die hier entsteht oder bei den Sprechenden ganz klar zu beobachten ist.

Die durchaus berechtigte, aufkommende Frage, ob Teile oder einzelne Motive des Films auch von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnten, diskutierte die Jury ausgiebig. Immerhin bildet der Film, aufgrund seiner mitunter zarten Töne, eine durchaus romantisierende Vorstellung von Familie ab. Allerdings, so die eindeutige Antwort der Jury, berichtet der Film in seiner vollen Länge eindeutig über das Erwachsenwerden in sektenähnlichen Strukturen, die auf ein Leben aus Hass und Lügen vorbereiten.

KLEINE GERMANEN zeigt auf ganz subtile Weise, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, in der nicht Liebe, sondern der Stolz auf die Deutsche Nation propagiert wird. Dabei ist KLEINE GERMANEN definitiv kein Agitationsfilm, sondern der feinfühlige Versuch zu verstehen, wie eine Kindheit in rechten Gruppierungen aussieht und was diese Gruppierungen zusammenhält. Mit ihrer Verbindung aus Dokumentar- und Animationsfilm gewähren Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger Einblicke in die umfassenden Strukturen von Familien im rechten Spektrum, die vielleicht nie so explizit und so erschütternd gezeigt wurden.