Ich sehe den Mann deiner Träume

Kinostart: 02.12.10
2010
Filmplakat: Ich sehe den Mann deiner Träume

FBW-Pressetext

Für Alfie ist das Altern etwas, was er nicht anerkennen kann. Daher verlässt er seine Frau Helena, fängt eine Beziehung mit einer jungen naiven Blondine an und besorgt sich eine Dauerkarte fürs Fitnessstudio. Auch Sally, die Tochter der beiden, will ihr Leben ändern. Ihr Mann Roy hängt immer noch seinem kurzen Erfolg als Schriftsteller hinterher und mit ihrem Beruf als Galeristin läuft es auch nicht besonders. Deprimiert von ihrem eigenen Leben und dem ihrer Lieben besucht Helena die berühmte Wahrsagerin Crystal, die bald schon das Leben aller entscheidend prägen wird … Woody Allen ist zurück und mit seinem neuesten Werk schafft er es wieder einmal, ein Sammelsurium an Charakteren zusammenzustellen, die alle etwas gemeinsam haben: Enttäuschung, Frustration und den unbedingten Willen für einen Neuanfang. Der Film funktioniert wie eine Versuchsanordnung im zwischenmenschlichen Bereich und man erkennt eine amüsante Variation von Beziehungsfrust und –lust, die so typisch für den Regisseur ist. Die gut aufgelegten Darsteller werden durch einen launigen Erzähler kommentiert, so erscheinen sie wie ferngesteuerte Puppen, die sich nur in ihren (wie immer pointierten) Dialogen wirklich offenbaren können. Die Ausstattung und das Setting sind ganz und gar europäisch. Alles in allem ein Woody Allen par excellence.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Woody Allen
Darsteller:Antonio Banderas; Naomi Watts; Josh Brolin; Anthony Hopkins; Freida Pinto; Gemma Jones; Lucy Punch; Anupam Kher
Drehbuch:Woody Allen
Kamera:Vilmos Zsigmond
Schnitt:Alisa Lepselter
Webseite:mann-deiner-traeume-derfilm.de;
Länge:98 Minuten
Kinostart:02.12.2010
Verleih:Concorde
Produktion: Gravier Productions, Mediapro; Versátil Cinema; Antena 3 Films; Antena 3 Televisión; Dippermouth;
FSK:0

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Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Wie viele seiner Filme bewegt sich auch die aktuelle Regiearbeit Woody Allens in einem eigenen Kosmos aus kaum aufzulösenden Verstrickungen zwischenmenschlicher Beziehungen, erzählt in der Tonlage eines ironisch beißenden Humorstücks.

Der Ensemblefilm seziert die Partnerschaften in und um eine Londoner Wohlstandsfamilie aus dem Kunst- und Kulturumfeld. Deren Krisen unterscheiden sich nur unwesentlich von denen in New York: Neurotische Stadtpflanzen, frustriert vom Status Quo ihrer Beziehungen, geben sich erotischen Illusionen hin.

Die ältere Dame Helena wurde nach 40 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen und sucht Zuspruch bei einer professionellen Wahrsagerin, die ihr eine herrliche Zukunft verspricht. Ihr Mann Alfie versucht panisch seine Jugend zurückzugewinnen und heiratet eine wesentlich jüngere Blondine mit Hang zum Luxus, die er zuvor als Prostituierte engagierte. Auch Helenas Tochter Sally hat nicht viel Glück mit ihrer Ehe. Ihr Mann Roy hat sein mangelndes Talent als Schriftsteller noch nicht akzeptiert und ist deshalb auch nicht in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Lieber lässt er sich beim Schreiben von der schönen, Gitarre spielenden Nachbarin Dia ablenken, mit der er ungehemmt flirtet. Sally hingegen fühlt sich mehr und mehr zu ihrem neuen Chef Greg hingezogen, der eine einflussreiche Galerie führt.

Als Roy einmal gegenüber seiner Frau zum Ausdruck bringt, wie abwegig er die okkulten Anwandlungen seiner Schwiegermutter findet, entgegnet Sally: "Manchmal sind Illusionen besser als die Medizin." Darum scheint es hier zu gehen: So spielt denn auch jene Wahrsagerin samt ihrer Vorahnungen eine wichtige Rolle für den Film, was sich nicht allein im Titel widerspiegelt. Zu Beginn des Films ist es der Pensionär Alfie, der in der Nacht von Panik gepackt aufwacht, weil ihm seine eigene, nahende Endlichkeit mit einem Schlage bewusst wird. Dies ist der Motor für die Geschichte, und als wiederum Helena später verkündet, die Wahrsagerin hätte ihr die Begegnung mit einem dunklen, attraktiven Fremden prophezeit, so verspottet Roy sie mit der Aussage: „Du wirst denselben großen, dunklen Fremden kennenlernen, den wir alle über kurz oder lang kennenlernen werden."

Die Illusionen der Protagonisten drehen sich also um das Rätsel der Liebe und des Todes. Dabei schlagen sie Wege ein, die zwangsläufig in einer Sackgasse enden müssen. Doch alle haben gemeinsam, dass sie sich verändern wollen: Ehrgeiz, Anerkennung, Liebe. Dies sind die Triebfedern der Figuren. Hierbei kommen sie sich in die Quere und verletzen sich gegenseitig. Für keine Figur gibt es wirklich einen Ausweg, mit einer Ausnahme: Helena. Nach der Scheidung von Alfie hätte sie sich auch gehen lassen und an ihrer Bitterkeit zugrunde gehen können. Doch dank ihres einfältigen Glaubens an Prophezeiungen und dem Leben nach dem Tod bewahrt sie auf gewisse Weise ihre Unschuld. Weil sie sich konsequent etwas vorzumachen vermag, schafft sie es, halbwegs unbeschadet weiterzuleben. Man kann Allen hier so interpretieren, dass nicht jedwede Veränderung gut fürs Seelenheil sein muss, denn wohlmöglich kann nur der Arglose sein Glück finden.

Alle bleiben letztlich aber Typen in einer für Allen kennzeichnenden Versuchsanordnung. Wirkliche Charaktere, die diesem Drama im Gewand einer sarkastischen Komödie vielleicht neue Erkenntnisse abgewinnen könnten, kann es hier wohl auch nicht geben. Der alternde Alfie wird in seinem Eifer, an der Seite der jungen ‚Sexbombe‘ Charmaine ein neues Leben als 35jähriger zu beginnen, sicher ganz direkt der Lächerlichkeit preisgegeben. Es stellt sich jedoch die Frage, ob man derartigen Gemeinplätzen in der Figurenentwicklung noch wirklich viel entnehmen kann. Auch die Figur der vollkommen ironiefreien Schönen im Nachbarhaus (Dia) macht in einem mit Ironie aufgeladenen Film sicher irgendwo seinen kontrastgebenden Sinn. Das Stereotype steht aber trotzdem dem Lebendigen, das eine solche Konstruktion dann doch braucht, im Wege. Ein großartiges, aus internationalen Stars bestehendes Schauspielerensemble, kann dies zum Teil wieder wettmachen.

Nichtsdestotrotz sind alle Protagonisten aus dem Leben gegriffen. Die souveräne Handschrift des Regisseurs ist überall in der Erzählung zu spüren. Bemerkenswert ist, dass Allen seine sonst so treffenden Pointen zugunsten einer nachhaltigen Wirkung eines andauernden Dialogfeuerwerks zurückweichen lässt. Die massive Direktheit in den Gesprächen – trotz aller Illusionen – unterstützt durch eine trockene Erzählerstimme, macht die Gnadenlosigkeit spürbar, mit der Allen seine Protagonisten scheitern lässt. Diese Direktheit erinnert bisweilen an klassisches französisches ‚Dialog-Kino‘.