Helen

Kinostart: 26.11.09
2009
Filmplakat: Helen

FBW-Pressetext

Die erfolgreiche Musikprofessorin Helen führt eine glückliche Ehe, hat eine aufgeweckte Tochter und einen intakten Freundeskreis. Die Diagnose Depression trifft die Familie aus heiterem Himmel. Ashley Judd verkörpert glaubwürdig die von innerer Zerrissenheit und depressiven Schüben getriebene Helen. Dabei ist es der herausragenden Inszenierung der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck zu verdanken, dass dieses komplexe Thema auf der Leinwand so eindrucksvoll funktioniert. Sie zeigt nicht nur die Innenperspektive der Betroffenen, sondern richtet den Blick auch auf die gesamte Konstellation, zeigt den Ehemann und ihre Tochter, die einer enormen Belastungsprobe ausgesetzt sind. Das beeindruckende Schauspiel lässt die hilflose Verzweiflung der Betroffenen und ihrer Angehörigen spürbar werden, die sie jeder Sicherheit beraubt. Ein herausfordernder Film über die Abgründe der Psyche: einfühlsam, erschreckend, aber auch hoffnungsvoll.
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Kategorie:Spielfilm
Gattung:Drama
Regie:Sandra Nettelbeck
Darsteller:Ashley Judd; Goran Visnjic; Lauren Lee Smith; Alexia Fast
Drehbuch:Nettelbeck; Sandra
Länge:119 Minuten
Kinostart:26.11.2009
Verleih:Warner
Produktion: Warner Bros. Pictures, Egoli Tossell Film, Insight Filmstudios
FSK:12
Förderer:FFA; Filmstiftung NRW

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Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Helen ist eine erfolgreiche und glückliche Frau. Sie lebt mit ihrem Mann David und Julie, ihrer 13jährigen Tochter aus erster Ehe, in einem schönen Heim. Sie hat einen netten Freundeskreis und sie liebt ihre Arbeit als Musikprofessorin. Ihre Studenten schätzen sie als gute Lehrerin. Doch es gibt ein Geheimnis, das Helen lange Zeit vor ihrer Umwelt verborgen hat und von dem auch ihr Mann nichts ahnt. Vor 12 Jahren litt sie an einer schweren Depression. Ihre erste Ehe ist daran zerbrochen. Und nun ist alles plötzlich wieder aktuell: Helens Krankheit bricht erneut aus und sie versinkt zusehends in einer tiefen suizidalen Depression.

David und Julie müssen hilflos mit ansehen, wie sich Helen immer stärker abschottet, keinerlei Hilfe annimmt und in ihrer Verzweiflung mehrere Selbstmordversuche unternimmt. Einzig ihre ehemalige Studentin Mathilda, die sie in der Klinik wieder trifft, findet Zugang zu ihr. Vor Mathilda, die selbst unter psychischen Problemen leidet, braucht Helen sich nicht zu verstecken. Nur bei ihr meint sie Verständnis und Unterstützung zu finden. Sie verlässt die Klinik und ihre Familie, um bei Mathilda zu leben, und nach vielen Rückschlägen gibt ihr diese Beziehung die Kraft, den Weg aus der Krankheit zu suchen.

Sandra Nettelbecks erster englischsprachiger Film, zu dem sie auch selbst das Drehbuch geschrieben hat, entspringt einem tiefen persönlichen Bedürfnis. Er ist einer Freundin gewidmet, die sich nach langer psychischer Krankheit das Leben genommen hat. Man spürt die große Anteilnahme und die intensive Beschäftigung mit der Krankheit vom ersten bis zum letzten Moment ihres Films, der eine starke emotionale Wirkung entfaltet.

Dabei macht es der Film dem Zuschauer nicht leicht. Obwohl schon gleich zu Beginn, auf der ausgelassenen Geburtstagsfeier, erste Irritationen spürbar sind, erscheint der Ausbruch der Krankheit abrupt. Ebenso schonungslos wie unspektakulär zeichnet der Film dann in knapp zwei Stunden den Krankheitsverlauf minutiös nach. Der Zuschauer wird mit der Thematik in ähnlicher Weise konfrontiert wie Helens Familie. Ganz unvermittelt wird er in das Drama hineingezogen, das er auf intensive Weise empfinden, miterleben und -erleiden kann.

Der Film ist gut konzipiert und erzählt, obwohl er sich einzig am Verlauf der Erkrankung orientiert und keinerlei Konzessionen macht. Helens Depression wird als immer tieferes Abgleiten geschildert, aus dem lange Zeit kein Entrinnen möglich scheint. Verstörend ist, dass keinerlei Erklärung geboten wird. Keine unglückliche Kindheit, keine lieblose Ehe, kein Mobbing, kein traumatisches Erlebnis wird als Ursache genannt. Helen ist nicht unglücklich, sie ist krank. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Zeichnung der Ärzte, die wenig Anteil am persönlichen Schicksal zu nehmen scheinen, sondern routiniert eine Krankheit diagnostizieren und zu behandeln versuchen. Durch die medizinische Anamnese erfährt auch der Zuschauer Details zu Symptomen und Ablauf der Krankheit.

Sie selbst versucht lange Zeit, ihr Leiden zu verheimlichen. Der Film zeigt ihre Zerrissenheit und er zeigt auch die Auswirkungen, die ihre Krankheit auf ihr Umfeld hat. Der Zuschauer kann intensiv Anteil nehmen am Schicksal von David und Julie, die ihr familiäres Zentrum verlieren. Die emotionale Identifikation mit Helen fällt zunehmend schwerer. Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass sie lange Zeit jegliche Hilfe und Behandlung verweigert und damit sowohl ihr eigenes Leben als auch das Leben ihrer Familie zu zerstören droht.

Mathilda hingegen ist ein schillernder Charakter. Im Gegensatz zu Helen, die ihre Verzweiflung nach innen und gegen sich selbst kehrt, liebt sie heftige Ausbrüche. Als sie noch ein Kind war, hat ihre Mutter Selbstmord begangen und sie allein gelassen. So nimmt das Verhältnis von Helen und Mathilda wechselseitig einen Mutter-Tochter-Charakter an und man beginnt sich zu fragen, ob beide Figuren die gleiche Person in verschiedenen Lebensphasen darstellen oder ob Mathilda, die immer wieder ganz unvermittelt in Helens Leben auftaucht, vielleicht nur eine Kunstfigur ist, die Helens Vorstellung entspringt oder ihr Versinken in der Krankheit symbolisieren soll.

Helen wird von Ashley Judd unaufdringlich und mit großer Intensität gespielt. In ihrem Gesicht sind alle Nuancen der zunehmenden Verzweiflung, aber auch des Trotzes und Aufbegehrens ablesbar. Auch die schauspielerischen Leistungen von Goran Visnjic (David), Lauren Lee Smith (Mathilda) und Alexia Fast (Julie) überzeugen und die weiteren Nebenrollen sind gut besetzt. Die Bildebene (Szenenbild: Linda del Rosario, Kamera: Michael Bertl) unterstreicht die Isolation und Ausweglosigkeit. Die Handlung spielt meist in dunkel gehaltenen Innenräumen, häufig ist Helen allein im Bild. Blau- und Grautöne herrschen vor, selbst am Ende, als sich das Bild zum Spaziergang am Meer weitet, ist der Himmel bedeckt. Auch die Musik (Tim Despic) ist mit großem Bedacht konzipiert und steht in äußerst wirkungsvollem Wechsel mit der Stille.

Der Film, der auch viele hoffnungsvolle Momente mit einbindet, erfordert vom Zuschauer, sich auf eine verstörende Erfahrung einzulassen und eine (Kranken-)Geschichte zu akzeptieren, die unvermittelt einsetzt und hauptsächlich von einer zunehmenden Destruktion handelt. Wer bereit ist, dies zu akzeptieren, wird einen Film von ungeheurer Intensität erleben.