Geheime Staatsaffären

Kinostart: 20.07.06
2005
Filmplakat: Geheime Staatsaffären

FBW-Pressetext

Solch ein Film fehlt in Deutschland, zum Beispiel zur VW-Affäre. Claude Chabrol in Bestform seziert hier - seinem literarischen Vorgänger Balzac ähnlich - die korruptionsträchtige Mischung von Wirtschaft und Politik, zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Porträt des modernen Frankreich. Isabelle Huppert als Untersuchungsrichterin lässt manches Männerherz gefrieren.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama; Thriller
Regie:Claude Chabrol
Darsteller:Isabelle Huppert; François Berléand; Patrick Bruel
Drehbuch:Claude Chabrol; Odile Barski
Weblinks:filmsortiment.de;
Länge:110 Minuten
Kinostart:20.07.2006
Verleih:Concorde
Produktion: Alicéleo, France 2 Cinéma; Ajoz Films; Integral Film; Canal+; Cinecinema
FSK:0

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ein Gruppenbild mit Dame. Claude Chabrol seziert einmal mehr die französische Gesellschaft und deckt Missstände in wirtschaftlichen und politischen Kreisen auf. In „Geheime Staatsaffären“ geht es um den Missbrauch von Macht, um Bestechung auf hoher Ebene, um Wirtschaftskriminalität mit staatlichem Segen, weil die wirtschaftliche Expansion auch im staatspolitischen Interesse liegt. Unerbittlich zeigt Chabrol auch die Ohnmacht des Staates, dauerhaft den Augiasstall von Korruption und machtpolitischen Ränkespielen auszukehren und aufzuräumen.
Chabrols meisterlicher Film ist aber vor allem das Porträt einer Frau, die ihre ganze Energie und Kraft auf die Aufklärung der dubiosen Fälle konzentriert, da sie zuhause keine Wärme mehr findet und selbst längst zu einem „Marmorbild“ geworden scheint. Der Preis der Macht – oder auch für die Macht, den sie zahlt – ist hoch. Denn letztlich zerbricht alles um sie herum – ihre Ehe, aber auch ihre Karriere.
Chabrol erzählt dieses Drama mit kühlen Bildern und meist in Blautönen, aus denen allein die roten Handschuhe der Richterin wie in Blut getauchte Hände einen Hauch von Leidenschaft symbolisieren. Chabrol bedient sich dabei oft des Perspektivenwechsels, um zu zeigen, dass eigentlich beinahe alle Hauptfiguren in diesem Ränkespiel Täter und Opfer zugleich sind. Wer sich gegen die Spielregeln wendet, hat keine Chance, als Sieger aus dem Rennen zu gehen..
Zu Chabrols unterkühlten und auch kühnen Erzählstil gehört auch, dass es kaum Sympathieträger in der Handlung gibt. Empathie mag zwar gelegentlich für die eine oder andere Figur aufkommen, aber eigentlich sind sie alle erstarrt in ihrem Ehrgeiz, in ihrer Machtgier und ihrem seelenlosen Ehrgeiz. Isabelle Huppert als Hauptdarstellerin legt es nicht darauf an, dem Publikum zu gefallen, sie geht in ihrer Rolle auf. Eine ganze Riege exzellenter Nebendarsteller, viele von ihnen Männer im sogenannten besten Alter als Industriekapitäne und Manager, geben dem Film einen Hauch von Authentizität, von Demaskierung und Sittenbild. Chabrol hat ein genaues Auge für die Rituale der Macht, findet interessante Methoden der „Dekonstruktion“. Die Kamera, der Untersuchungsrichterin auf den Fersen, ist des öfteren dabei, wie mächtige und keinen Widerspruch gewohnte Männer plötzlich ihre Autorität verlieren, weil gegen sie ermittelt wird.

Chabrol erlaubt sich nur am Rande, seine stringente Dramaturgie durch leichte Ironie aufzulocken – etwa, wenn der Club der Bösewichter, eine Gruppe von Wirtschaftsbossen, in der Bar des legendären Hotels „Meurice“ auf noch nicht errungene Siege Champagner trinkt oder als „Zigarrenclub“ zusammen hockt und weitere Intrigen spinnt. Die Zigarre wird hier zum Statussymbol. Rundum gelungen ist auch der Einsatz von Musik, Geräuschen und Licht. Am Ende bleiben viele Fragen offen, es gibt keine Lösungen und auch keinen Schlusspunkt bei einem Film, der mehr als eine Geschichte ist: nämlich eine Studie von menschlichen Fehlern und Charakteren.

„Geheime Staatsaffären“ ist ein Sittenbild, im virtuosen Strich durchaus den großen Romanen Balsacs verwandt. Das Gesellschafts- und Wirtschaftsbild, das Chabrol hier zeichnet, ist ein wenig schmeichelhaftes Porträt Frankreichs und der modernen Industriegesellschaft. Der deutsche Film hat von solcher Sezierschärfe leider wenig aufzuweisen. Der Spielfilm zur VW-Affäre zum Beispiel lässt noch auf sich warten.