Ein nasser Hund

Kinostart: 03.12.20
2020
Filmplakat: Ein nasser Hund

FBW-Pressetext

Authentisch-schnörkelloser Blick in das harte Milieu von Berliner Straßengangs.

Die Verfilmung des autobiografischen Romans von Arye Sharuz Shalicar erzählt die Geschichte des jüdischen Jungen Soheil, der, um einer muslimischen Gang angehören zu können, seine jüdischen Wurzeln verleugnet. Mit seinem Mut zur Ambivalenz und einer radikal ehrlichen Erzählweise ist EIN NASSER HUND authentisch und spannend zugleich.

Der Film in der Regie von Damir Lukacevic erzählt seine Geschichte von Anfang an mit einem klaren Bekenntnis zu Authentizität und Radikalität. Der Umgang innerhalb der Gang und die Auseinandersetzung mit verfeindeten Gruppen lässt fast einen dokumentarischen Eindruck entstehen und die Geschehnisse sind so dicht erzählt, dass man der Story gefesselt folgt. Doch neben dem Einblick in ein Milieu erzählt EIN NASSER HUND auch die Geschichte eines jungen Menschen, der nicht nur auf der Suche nach einem Platz im Leben und der Gesellschaft ist, sondern auch nach seiner eigenen Identität. Die Zugehörigkeit zu einer Religion steht hierbei, so relevant sie auch ist, nur stellvertretend für etwas, was einen Menschen eben gesellschaftlich definiert – in den Augen anderer und für sich selbst. Die exzellenten Jungdarsteller*innen wirken überzeugend in ihren Rollen und können die Konflikte auch anhand eines schnörkellos erzählenden Drehbuchs vermitteln, unterstützt von einem Cast an erfahrenen Darstellern wie Kida Khodr Ramadan. Und auch filmisch kann EIN NASSER HUND in allen Belangen, ob Kamera, Montage, Musik oder die Auswahl des Settings, überzeugen.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Damir Lukacevic
Darsteller:Doguhan Kabadayi; Kida Khodr Ramadan; Judith Hofmann; Mohammad Eliraqui; Derya Dilber; Dorka Gryllus; Ariella Hirshfeld; Nathalie Taly Journo; Hassan Kello; Arash Ravand; Akdeniz Talha; Christoph Letkowski
Drehbuch:Damir Lukacevic
Kamera:Sten Mende
Schnitt:Christoph Strothjohann
Musik:Boris Bojadzhiev
Jugend Filmjury:Lesen Sie auch, was die Jugend Filmjury zu diesem Film sagt...
Länge:103 Minuten
Kinostart:03.12.2020
Verleih:Warner
Produktion: Carte Blanche International GmbH, Warner Bros: Entertainment;
FSK:12
Förderer:MBB

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Soheil ist ein junger Jude aus dem Iran, der mit seinen Eltern nach Berlin-Wedding zieht. Doch niemand ist unter den dort lebenden Moslems so verhasst wie ein Jude. Als Soheil sich einer arabischen Jugendgang anschließt und in ein türkischstämmiges Mädchen verliebt, ist ihm zuerst gar nicht klar, wie gefährlich seine Position zwischen den Fronten dadurch wird. EIN NASSER HUND ist eine sehr authentisch wirkende Milieustudie, die vor allem durch die jungen Darsteller*innen so lebendig wirkt, welche sehr glaubwürdig und intensiv agieren. Erzählt wird von der Identitätsfindung Soheils, der im Laufe des Films immer mehr erkennt, was es bedeutet, als Jude unter Moslems zu leben. Der Film hat zwar auch einen dramaturgischen Bogen, der an den des Musicals „West Side Story“ erinnert, das seinerseits eine moderne Variante von Shakespeares „Romeo und Julia“ ist. Aber interessanter als dieser oft vorhersehbare Plot, sind die vielen kleinen Episoden, in denen Soheil versucht, zu sich selber zu finden und in denen er immer wieder sowohl auf offenen wie auch auf latenten Rassismus stößt. So wird er, der nach außen hin wie das Mitglied einer Weddinger Jugendgang wirkt, immer wieder von den deutschen Sicherheitskräften einer jüdischen Bibliothek kontrolliert, weil er nicht ihren Vorstellungen von einem jüdischen Jugendlichen entspricht. Ein junger Lehrer behandelt Soheil ganz anders, nachdem er erfahren hat, dass dieser Jude ist. Der Film stellt auch irritierende Fragen wie jene, ob es antisemitisch ist, wenn ein Jude das Wort Jude an eine Schulmauer sprayt. Damir Lukacevic arbeitet viel mit solchen Verunsicherungen. So etwa im Prolog, der in den palästinensischen Gebieten spielt und ein Kind zeigt das Steine wirft. Wenn Lukacevic dann direkt nach Wedding und auf den Protagonisten Soheil schneidet, legt er eine falsche Fährte, deren Erklärung er erst viel später liefert. Ein Epilog schließt dann den Kreis mit einer Sequenz am gleichen Ort, durch die deutlich wird, auf welcher Seite solcher Auseinandersetzungen Soheil am Ende seiner Entwicklung steht. Der Film verweigert einfache Lösungen und zeigt stattdessen, wie komplex die Widersprüche sind, denen sich Soheil stellen muss.