Edelweisspiraten

Kinostart: 10.11.05
2004
Filmplakat: Edelweisspiraten

FBW-Pressetext

Packend und atmosphärisch dicht, unkonventionell, bildstark und auch riskant inszeniert: die wenig bekannte Geschichte einer Kölner Jugendbande, die sich mit dem Nazi-Regime anlegte.
Prädikat wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama
Regie:Niko von Glasow
Darsteller:Iwan Stebunov; Jochen Nickel; Anna Thalbach
Drehbuch:Kiki von Glasow
Weblinks:filmsortiment.de;
Länge:100 Minuten
Kinostart:10.11.2005
Verleih:3 Rosen Filmverleih
Produktion: Palladio Film GmbH & Co. KG, WDR; X-Filme;
FSK:12
Bildungseinsatz:fwu-shop.de;

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

„Edelweisspiraten“ ist ein schneller, intensiver Film. Zunächst ist der Betrachter verwirrt. Die Personen und Orte wechseln und man findet sich erst allmählich zurecht. Es geht um die wenig bekannte Geschichte der „Schmuddelkinder“ des Widerstands in Deutschland, genauer in Köln, wo eine Gruppe von Jugendlichen ihren Protest gegen den Nationalsozialismus beim Hören von Swingmusik und mit kleineren politischen Aktionen wie Graffitisprüchen an Fabrikwänden ausagiert. Mitten im Bombenhagel, im Chaos und im allgegenwärtigen Naziterror versucht diese Gruppe Jugendlicher als „Edelweisspiraten“ das Alltagsleben zu bewältigen. Dabei geraten sie immer mehr in das Visier der Gestapo, als sie bedrohte Menschen zu retten versuchen. Eingebettet in die Darstellung proletarischer Lebensverhältnisse werden so exemplarisch vier Protagonisten auf ihrem Weg zu Staatsfeinden in den Fängen der Gestapo aufgezeigt.

Der künstlerisch ambitionierte Film ist in weiten Teilen mit der Handkamera als beobachtende dokumentarische Sicht auf die Abläufe gedreht und vermittelt auf diese Weise eine Einheit von Bombenhagel, Verfolgung und Bedrohungsgefühl. Ein Off-Erzähler steht für das Authentische der Handlungsbezüge, die auf wahren Gegebenheiten beruhen. Die Handkamera bewegt sich oft mit sehr vielen Großaufnahmen für einen reinen Dokumentarstil untypisch nahe an den Protagonisten, was aber nicht als Widerspruch zu werten ist, sondern als Inszenierungsstil, der die Nähe zu den Protagonisten emotionalisierend herstellt und nutzt.

Als herausragend wird vom Bewertungsausschuss die Intensität des Films empfunden und auch sein Risiko, in der ästhetischen Gestaltung von herkömmlichen Darstellungen der Nazi-Zeit abzuweichen. Der Film kommt ohne all die viele Nazi-Emblematik, die wehenden Hakenkreuzfahnen und die adretten Uniformen aus, die bei vielen Filmen zur Kennzeichnung der Nazi-Zeit eingesetzt werden - und so oft auch die Nazi-Ästhetik nur unkritisch duplizieren. Herkömmlicherweise werden meist die ästhetisch sauber geformten bürgerlichen Helden einer ebenso ästhetischen sauberen Naziherrschaft gegenüber gestellt. In „Edelweißpiraten“ sind die SS-Schergen bis zum Erbrechen brutal und zynisch. Es werden Folterszenen gezeigt, die für manche Ausschussmitglieder zu weit gehen, aber dennoch nur einen Bruchteil der Folterrealität zeigen und insofern absolut Notwendiges verdeutlichen. Hervorgehoben wurde auch, wie atmosphärisch dicht das Bedrohungsgefühl einer Bevölkerung im Krieg, wie glaubwürdig der Alltag in solchen katastrophalen Umständen inszeniert wird.

Die Ausstattung des Films wirkt beeindruckend real: die Trümmerlandschaften und Fabrikgebäude als heimliche Treffpunkte der Jugendlichen, die Verhör- und Folterräume der SS oder die Wohnräume, die der Krieg gekennzeichnet hat.

Es ist ein sehr bewegender, emotional dichter Film entstanden, der wegen einer manchmal überzogen wirkenden Kamera und Schnittführung zum Teil mit einem „weniger wäre mehr“ kritisch gewürdigt wurde. Ein weiteres Manko stellt für den Bewertungsausschuss die sparsame Verwendung der „Nationalsprache“ Kölsch dar, die nur selten zu hören ist, obwohl in Köln-Ehrenfeld alles Mögliche gesprochen wird, nur kein Hochdeutsch.