Der Engel der Geschichte

Filmplakat: Der Engel der Geschichte

FBW-Pressetext

In seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ schreibt Walter Benjamin im Jahr 1940 über ein Bild, das Paul Klee gemalt hat. Dieses Bildnis zeigt einen Engel. Für Benjamin den „Engel der Geschichte“, der vor sich „eine einzige Katastrophe sieht, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert“. Und auch wenn der Engel verweilen will, um die Trümmer zu beseitigen, treibt ein Sturm ihn voran. Und „das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“. Der Filmemacher Eric Esser bezieht sich in seinem Essayfilm DER ENGEL DER GESCHICHTE direkt auf Klees Bildnis und Benjamins Text, indem er den Film dort ansiedelt, wo Geschichte stattfand: Im französisch-spanischen Grenzort Portbou, wo Benjamin sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm. Doch heute, nach all den Jahren, hat der Ort die Spuren seiner Geschichte verloren. Touristen liegen am Strand, die Grenzen sind für sie geöffnet. Esser konfrontiert Portbou mit seiner Geschichte, indem er Fotos aus der Vergangenheit über die heutigen Plätze legt. Dazu kommentiert er selbst, erzählt von Europa, von seinen Ängsten für die Zukunft. Einer Zukunft, in der Grenzen wieder vermehrt eine Rolle spielen werden. Es selbst in der Gegenwart schon tun. Weil sich Europa zunehmend abschottet gegenüber denen, die auf der Flucht sind und Hilfe suchen. Die Bilder von Michael Zimmer sind mit großer, fast schon elegischer Ruhe von Evelyn Rack montiert und können gerade durch die Zeit, die sie dem Betrachter lassen, eindringlicher wirken als viele Nachrichtenbilder. Mit DER ENGEL DER GESCHICHTE ist Eric Esser eine stimmungsvolle filmische Reise zwischen Jetzt und Damals gelungen
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Eric Esser
Drehbuch:Eric Esser; Evelyn Rack
Kamera:Michael Zimmer
Schnitt:Evelyn Rack
Musik:Matija Strnisa
Webseite:makeshiftmovies.info;
Länge:10 Minuten
Kontakt:kontakt@makeshiftmovies.info
Produktion: MakeShiftMovies Eric Esser

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Man sieht es, man hört es und man spürt es: Eric Esser ist die Sorge um Europa eine Herzensangelegenheit. Verständlich in Zeiten, in denen europäische Länder wegen nationalistischen Strömungen und wirtschaftlichen Eigeninteressen Gefahr laufen, den Staatenbund zu verlassen und diesen von innen auszuhöhlen. Eric Esser hat sich einen besonderen Ort an einer innereuropäischen Grenze ausgesucht, in den Pyrenäen, wo Frankreich und Spanien sich treffen. Für ihn ein Ort, der mahnende Erinnerung an Zeiten birgt, die niemals wieder kommen dürfen, aber scheinbar vergessen sind. Touristen, Camper und Badehungrige schieben sich ungehindert über eine nicht mehr vorhandene Grenze. Dort, wo 1940 der Philosoph Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis die Grenze nach Spanien überqueren wollte und sein gescheiterter Fluchtversuch ihn in den Freitod trieb. Eine Hoffnungsgrenze damals aber auch für viele andere, die Krieg und Naziherrschaft entkommen wollten, deren Hoffnungen aber oft nicht in Erfüllung gingen. Eric Esser erzählt detailreich, aber nicht überfrachtend, auf mehreren unterschiedlichen Erzählebenen. Da ist die Geschichte des Schicksals von Walter Benjamin und seines Grabes dort. Textauszüge aus „Angelus Novus“ mit einer wunderbaren Verbindung zum Bild von Paul Klee sind zu hören. Die Farben auf dem Bild finden sich wieder beim Blick auf die Anhöhe, wo das Grab liegt. Eine weitere Erzählebene ist die ganz persönliche und mahnende Botschaft Essers an Europa im Off. Dann die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, indem Eric Esser mit Originalfotos der alten Grenzstadt identischen Einstellungen von heute vergleichend überdeckt. DER ENGEL DER GESCHICHTE soll Allegorie und Mahnung zugleich sein. Insgesamt ist Eric Esser nicht einfach ein Dokumentarfilm mit essayistischen Ansätzen gelungen, sondern vielmehr eine filmkünstlerische Arbeit mit verschiedensten reichen Stilmitteln. Und darüber hinaus auch eine höchst philosophische Auseinandersetzung mit Walter Benjamins Werk und seinen ganz persönlichen Ängsten um Europa, eingebunden in eine doch sehr pessimistische Grundhaltung.