Das schweigende Klassenzimmer

Kinostart: 01.03.18
VÖ-Datum: 20.09.18
2017
Filmplakat: Das schweigende Klassenzimmer

FBW-Pressetext

Auf einer wahren Begebenheit beruhendes, klug inszeniertes Drama von Lars Kraume um eine Schulklasse, die sich 1956 mit einem stillen Protest gegen die Obrigkeit der DDR-Regierung stellt.

Die DDR, 1956. Noch ist die Mauer nicht gebaut, doch die Grenzen in Deutschland sind gezogen. Als eine Abitursklasse in Stalinstadt durch den verbotenen Westfunk von den Unruhen des ungarischen Volksaufstands hört, legt sie zu Beginn einer Schulstunde eine Schweigeminute ein. Die Schulleitung reagiert mit Härte und errichtet eine Kommission, um herauszufinden, welcher der Schüler für diesen Akt des „Ungehorsams“ verantwortlich ist. Die Klasse jedoch hält geschlossen zusammen und schweigt weiter – zunächst. Denn genau wie im Land selbst sind auch im Klassenverbund die Fronten verhärtet. Und jeder Schüler muss für sich herausfinden, welchem Ideal er folgen wird. Lars Kraumes DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER basiert auf einer wahren Geschichte. Im Zentrum der Handlung stehen die Schüler der Abiturklasse, dabei wählt Kraume Figuren, die stellvertretend für die verschiedenen Positionen und politischen Überzeugungen der damaligen Zeit zu sehen sind. Da ist Kurt, der von seinem Vater, einem hohen Tier in der Verwaltung, zum Gehorsam gezwungen wird, obwohl ihn sein Gewissen zur Rebellion treibt. Oder Theo, der gelernt hat, sich im System irgendwie „durchzumogeln“ und der sich vor einer eindeutigen Haltung drückt. Und da ist Lena, die von ihrer Großmutter den Kampfgeist geerbt hat und sich gegen die Obrigkeit stellt. All diese Charaktere verankert Kraume glaubhaft in ihrer Zeit, Ausstattung, Maske und Kostüm sind überaus authentisch. Getragen wird der Film von den fantastischen Jungdarstellern und Nachwuchstalenten Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke und Jonas Dassler, die von einem erfahrenen Erwachsenencast, unter anderem Roland Zehrfeld, Jördis Triebel und Michael Gwisdek, unterstützt werden. Obwohl die Geschichte im Damals verankert ist, vermittelt sie auch wichtige Botschaften für das Hier und Jetzt. Dies macht DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER neben seiner filmischen Qualität zu einem gesellschaftlich relevanten Film über die Verantwortung des Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Lars Kraume
Darsteller:Leonard Scheicher; Tom Gramenz; Lena Klenke; Isaiah Michalski; Jonas Dassler; Ronald Zehrfeld; Florian Lukas, Jördis Triebel; Michael Gwisdek; Götz Schubert
Drehbuch:Lars Kraume
Buchvorlage:Dietrich Garstka
Kamera:Jens Harant
Schnitt:Barbara Gies
Jugend Filmjury:Lesen Sie auch, was die Jugend Filmjury zu diesem Film sagt...
Länge:111 Minuten
Kinostart:01.03.2018
VÖ-Datum:20.09.2018
Verleih:Studiocanal
Produktion: Akzente Film & Fernsehproduktion GmbH, Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF); StudioCanal GmbH; zero one film GmbH;
FSK:12
Förderer:FFA; MBB; MDM; FFHSH

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Was macht Lars Kraumes DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER zu einem bemerkenswert außergewöhnlichen Film?
Im Gegensatz zu einer Reihe von Filmen, welche versuchen, die DDR-Historie aufzuarbeiten, führt diese authentische Geschichte in eine Zeit der noch jungen DDR, drei Jahre nach dem Volksaufstand von 1953. Ein Land, das noch an der Aufarbeitung einer Epoche von Krieg und Verbrechen arbeitet, aber bereits auch einen gewissen Aufschwung vorzuweisen hat. Schlecht geht es den Menschen nicht, auch wenn eine persönliche Meinungsfreiheit nicht zugelassen wird – der Staat bestimmt, was für seine Bürger gut ist und dem hat man sich zu unterordnen. Eine privilegierte Klasse von Schülern, kurz vor dem Abitur, muss sich wegen ihrer Zukunft keine großen Sorgen machen, auch wenn sich die Ohren den Nachrichten und der Musik aus dem Westradio gerne öffnen. Und so wird aus einer scheinbar unpolitischen Gruppe junger Frauen und Männer eine solidarische Einheit von Menschen, die den Revolutionären und Toten des Aufstandes in Ungarn ihren Respekt und ihre Achtung mit einer Schweigeminute erweisen wollen. Und daraus wird dann ein Politikum, das eine Stadt erschüttern wird und bis in höchste Regierungskreise reicht.
Dramaturgisch wird genau dann der Film auf besondere Weise spannend. Der Schul- und Staatsapparat versucht zunächst die angebliche Konterrevolution auf niedriger Stufe zu halten, in dem man einen „Schuldigen“ oder „Rädelsführer“ ermitteln lässt. Doch die Schulklasse bleibt standhaft und trägt solidarisch die Konsequenz und dies lässt die Situation eskalieren. Das ist die eine Seite der gut funktionierenden Dramaturgie. Die andere, und vielleicht sogar noch interessantere, widmet sich dem familiären Background der Schüler. Sehr genau zeigen sich Familienbilder, bei denen vor allem die Väter durch ihre Vergangenheit im Staatsgefüge, in Parteien und in Krieg und Nachkriegszeit, sehr unterschiedliche Positionen eingenommen haben. Das führt zu Konflikten mit ihren Kindern und zu ganz unterschiedlichem Einschätzungen zu der schulischen „Revolution“. Auf dieser zweiten Erzählebene bietet sich dem Zuschauer ein sehr differenziertes Zeitbild von bürgerlichem Leben in der DDR, den unterschiedlichen Verhaltensmustern der Staatsobrigkeit gegenüber und der scheinbaren Akzeptanz oder Ablehnung des von „oben“ angeordneten Verlustes von Meinungsfreiheit.
Ein hervorragendes Drehbuch, dessen authentische Handlung auf den Erlebnissen eines tatsächlichen Zeitzeugen basiert, bietet glaubhafte Dialoge. Die Charaktere der Schüler, ihrer Familienangehörigen und auch der Vertreter von Schul- und Parteiführung sind bestens besetzt und ihr Spiel eindrucksvoll, wobei besonders auch die jungen Schauspieler zu loben sind. Eine gute Kameraführung und die gelungene Ausstattung sind weitere Pluspunkte in diesem sehr gut montierten und sicher inszenierten Film. Ein Film, der allen Altersgruppen einen spannenden und sehr wichtigen Einblick in ein Stück Zeitgeschichte in ein Land bietet, das selbst schon Geschichte ist, und gleichzeitig ein Film, der auch zu berühren vermag.