Dancing Pina

Kinostart: 15.09.22
2022
Filmplakat: Dancing Pina

FBW-Pressetext

Die Wiederaufführung zweier Stücke von Pina Bausch: Ein faszinierender Film über das ewig leuchtende Vermächtnis einer der größten Stars ihrer Zunft.

Pina Bausch revolutionierte mit ihren Choreografien den modernen Tanz. Der Dokumentarfilm in der Regie von Florian Heinzen-Ziob begleitet zwei Tanzgruppen in Dresden und im Senegal bei der Wiederaufführung zweier Bausch-Stücke, unter Anleitung ehemaliger Tänzer:innen ihrer Company. Der Film transportiert die Faszination des Tanzes und die Einzigartigkeit der berühmten Choreografien mit einer Leichtigkeit, die beflügelt und berauscht.

Durch die Anleitung der jeweiligen Tanzgruppen durch ehemalige Pina-Bausch-Tänzer:innen aus ihrer Company entsteht eine ganz besondere Nähe zur berühmten Choreografin, deren Arbeit noch heute so viele Menschen begeistert und inspiriert. Während der Entwicklung der Aufführungen wird auch immer wieder in alten VHS-Aufnahmen ein Blick auf Pina Bausch geworfen, auf ihre Technik, ihre Motivation für die Choreografien, ihre Kraft und ihre wie Feuer leuchtende Energie. Faszinierend zu sehen ist, wie die jungen Tänzer:innen es schaffen, Bauschs Vorgaben anzunehmen und doch ganz eigene, persönliche Interpretationen für ihre Performance finden. So lernen Zuschauende viel über Pina Bausch und den modernen Tanz allgemein, der so viel körperliche Kraft innehat. Da Heinzen-Ziob und sein Team immer sehr nah an den Tänzer:innen dran sind und die Kamera von Enno Endlicher mit großer Intuition und unterstützt von einer großartigen Lichtsetzung den Bewegungen folgt, entwickeln die gefilmten Proben eine hohe Emotionalität und einen dramaturgischen roten Faden. Dieser gipfelt letztlich in dem künstlerischen Höhepunkt zweier sensationeller Vorführungen in der Semperoper sowie an einem Strand im Senegal. DANCING PINA verbeugt sich vor Pina Bausch und macht die universelle Kraft des Tanzes sichtbar.

Filminfos

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

In der Spielzeit 1973/74 übernahm die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch die künstlerische Leitung des Tanztheaters Wuppertal und revolutionierte den modernen Tanz. Zu ihren ersten Stücken gehörten „Iphigenie auf Tauris“ (1974) und „Le Sacre du Printemps“ (1975). Sie zählten zu den wichtigsten Ballettereignissen ihrer Zeit und begründeten den internationalen Ruhm der Künstlerin. Doch was bleibt heute von ihrem Werk? Der Film begleitet zwei spektakuläre Tanzprojekte, in denen junge Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt diese Choreographien für sich neu entdecken. Während die Ballettkompanie der Dresdner Semperoper die Tanz-Oper „Iphigenie auf Tauris“ probt, versammeln sich in der Ecole des Sables im Senegal Tänzer und Tänzerinnen aus ganz Afrika, um das Ballett „Le Sacre du Printemps“ zu erarbeiten. Angeleitet werden sie u.a. von zwei Veteraninnen der Wuppertaler Kompanie, die an den Originalchoreographien von Pina Bausch mitgewirkt haben und deren Spirit vermitteln.
Tanz ist die Kunstform, die auf der Bühne so leicht, schwebend und selbstverständlich daherkommt – und hinter der doch so viel harte und minuziöse Arbeit steckt. Was man im Publikum bei einer Aufführung geahnt haben mag, macht Florian Heinzen-Ziob in seinem Film DANCING PINA sinnlich erfahrbar. Wenn die Tänzer:innen immer wieder die gleiche Abfolge von Schritten und Bewegungen trainieren, wenn an den kleinsten Nuancen einer Handbewegung penibel gefeilt wird, werden die Anstrengungen und Anforderungen allein beim Zuschauen fast schmerzlich bewusst. Allerdings geht es bei den Proben zu den Stücken von Pina Bausch weniger um Technik als um die eigene Geschichte der Tänzer:innen und ihre ganz persönliche Aneignung der Choreographie. Das gilt für beide Projekte, die im Film vorgestellt und in klassischer Weise miteinander verflochten werden, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Die Proben sind aber nicht nur eine Herausforderung für die jungen Tänzer:innen, sondern auch für ihre Mentorinnen Malou Airaudo und Josephine Ann Endicott, einstige Weggefährtinnen von Pina Bausch, die in den 1970er Jahren die Choreographien mit ihr erarbeitet und sie noch in höherem Alter getanzt haben. Für sie sind diese Stücke Teil ihrer Lebensgeschichte, Erinnerung an Karrierehöhepunkte und an Kompaniemitglieder, von denen viele nicht mehr am Leben sind. Sie erzählen von ihrer Zeit mit Pina Bausch, worauf es ihr ankam, was sie von ihr gelernt haben und was sie an die junge Generation weitergeben möchten. Dennoch sind ihre Einstudierungen in Dresden und im Senegal nicht rückwärtsgewandt. Die jungen Tänzer:innen sollen die Rollen und Bewegungen nicht einfach kopieren, sondern ihre eigene Interpretation und Biographie in den Tanz einbringen. Es ist bemerkenswert, mit welcher großer Präsenz und Präzision die beiden Tanzpädagoginnen mit den jungen Leuten arbeiten und ihre Erfahrungen weitergeben, aber auch mit welcher Aufgeschlossenheit und Empathie sie ihnen begegnen und neue Impulse aufnehmen und bestärken. Sie sind die Schnittstelle, die den Tanz, diese „flüchtige“ Kunst, immer neu erweckt und lebendig hält.
Dabei ist es erstaunlich, dass die beteiligten Tänzer:innen über Generationen und Kontinente hinweg bestimmte Erfahrungen und Probleme teilen. Alle haben aufgrund überkommener Normen und Vorurteile Ablehnung und Kritik erfahren: Während Männer nach wie vor homophoben Anfeindungen ausgesetzt sind, weil angeblich „alle“ Tänzer schwul seien, müssen Frauen gegen ein normatives Frauenbild ankämpfen, das bestimmt, wer zu „groß“ oder zu „dick“ ist, und das Mutterschaft und Tanz grundsätzlich für nicht vereinbar hält. In Afrika, wo tanzende Frauen noch häufig mit Prostituierten gleichgesetzt werden, mussten sich Gloria Ugwarelojo Biachi und Fanne Christie Dossou bei ihrer Berufswahl gegenüber ihren traditionell geprägten Familien in Benin und Nigeria durchsetzen. Von den geplanten Aufführungen in Senegals Hauptstadt Dakar, in Paris und London erhoffen sie sich nicht zuletzt auch Anerkennung durch die Familie.
Doch während „Iphigenie auf Tauris“ im Dezember 2019 in Dresden eine erfolgreiche Premiere feiern kann, muss die Aufführung von „Le Sacre du Printemps“ in Dakar im Frühjahr 2020 wegen des Ausbruchs der Corona-Pandemie abgesagt werden. In dieser Situation fassen Tänzer:innen, Projektverantwortliche und Filmteam den trotzigen Entschluss, das Stück dennoch aufzuführen: Am Strand des Fischerdorfs Toubab Dialaow. Diese Aufführung direkt am Atlantik ist der finale Höhepunkt des Films, eine einzigartige Energieleistung und ein mutiges Statement aller Beteiligten, sich nicht unterkriegen zu lassen und den Tanz zu zelebrieren – um des Tanzens willen. Das Filmteam meistert die Herausforderung, diese spontane Aufführung ohne vorherige Proben mit zwei Kameras einzufangen, mit Bravour. Die Kameras bewegen sich inmitten des Geschehens auf der Bühne, die von der Abendsonne wunderbar beleuchtet wird. Beim Zuschauen wird der Tanz zu einem packenden Erlebnis: Plötzlich fügen sich die einzelnen Probelelemente, bei denen Männer und Frauen getrennt gearbeitet und an einzelnen Bewegungen gefeilt haben, zu einem kraftvollen großen Ganzen zusammen. Auch die Aufnahmen von der Premiere in Dresden sind beeindruckend, gerade im Wiedererkennen derjenigen Probenmomente, die besonders schwierig waren und den Tanzenden viel abverlangt haben. Aber durch die Theatersituation mit dem typischen Guckkasteneffekt sind die Zuschauenden entfernter als bei der Aufführung am Strand, wo die Kamera sich mitten unter den Tanzenden bewegt und die Zuschauenden in das Stück hineinzieht.
Durch die Kombination der beiden sehr unterschiedlichen Stücke und die Auswahl der charismatischen Protagonist:innen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft, deren Erinnerungen und Reflexionen und deren intensive Erfahrungen bei den Proben gekonnt miteinander verflochten werden, erfährt man beim Zuschauen viel über die Kunst des Tanzens, ihre Tradierung und Innovation. Man erlebt, dass sie stark individuell geprägt, aber gleichzeitig global und international verständlich ist, und man erkennt, welche Bedeutung Pina Bausch dabei hatte und bis heute hat.