Blind Date

Filmplakat: Blind Date

FBW-Pressetext

Der Grund, warum sich Holger und Matti treffen, heißt Sex. Schnell, hart, ohne viel Drumherum. Deswegen wird nach der Begrüßung auch nicht lange abgewartet. Es geht direkt zur Sache. Danach ein bisschen Small Talk, eine kurze Verabschiedung – und dann macht Holger die Tür zu. Und Matti gibt zu verstehen: Gerne wieder. Vielleicht ja auch in einer größeren Gruppe. Alles kann, nichts muss. Die Kamera des Filmemachers Jan Soldat wird in BLIND DATE zu einem stillen Teilnehmer einer intimen Verabredung, die jegliche Distanz zur gezeigten Handlung aufbricht. Soldat lädt die Zuschauenden ein, dem Sex im wahrsten Sinne beizuwohnen. Dabei sind die Einstellungen nie hart pornografisch dank einer gezielten Positionierung der Kamera in der Wohnung. Mit der Selbstverständlichkeit des Hinschauens entsexualisiert der Film den Geschlechtsverkehr und macht den Akt zu etwas Beiläufigem. Viel mehr berührt das, was um den Akt herum passiert. Der Gleichmut von Holger, die Verletzlichkeit von Matti, der fast in einem Nebensatz erwähnt, einen Schlaganfall gehabt zu haben, die zaghaften Annäherungsversuche, die desinteressiert abgeblockt werden. Soldat gelingt es, mit BLIND DATE das Körperliche in seiner Eindeutigkeit und das Zwischenmenschliche in seiner Komplexität gleichermaßen zu bebildern. Eine mehr als gelungene filmische Leistung.
Prädikat wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Jan Soldat
Kamera:Jan Soldat
Schnitt:Jan Soldat
Länge:11 Minuten
Produktion: Jan Soldat

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Die oft sehr knappen Dokumentarfilme von Jan Soldat sind meist den ungewöhnlichen und mitunter verstörenden sexuellen Bedürfnissen und Fetischen schwuler Männer gewidmet, die geduldig beobachtet, aber nie kommentiert werden. BDSM, Swingersex, Dating und Autosexualität von Außenseitern werden so auf ungewohnt sensible Weise ins Zentrum des Films gerückt. So funktioniert auch BLIND DATE.

Zwei Männer treffen sich in einer Wohnung zum Blind Date. Sie haben Sex. Der Film beobachtet in fragmentierten Vignetten diese sexuelle Begegnung zweier alles andere als normativer Männer(körper). Mit der Kamera sind wir stiller Beobachter einer intimen und zugleich verstörend unemotionalen Begegnung, die in radikaler Offenheit gezeigt wird. Pornografisch ist das nie, denn nicht nur bleibt eine Distanz spürbar, auch kleine Irritationen verweisen auf unsere Betrachterposition: etwa im Durchbrechen der „vierten Wand“ mit Begrüßung des Kameramannes/des Publikums durch den ankommenden Gast.

In BLIND DATE werden wir Zeuge des unpersönlichen Konsums eines Moments der Intimität, dessen Stille nach dem Sex bald leer und peinlich wirkt. Der Verweis auf ein Buch im Schrank oder den Schlaganfall des Gastes werden jedoch vom ersten Mann nicht weiter berücksichtigt. Vielmehr scheint er an einem schnellen Abschied interessiert zu sein.

Die Jury diskutierte den Film intensiv und kontrovers. Oft wurden dieselben Elemente unterschiedlich gewertet: die schonungslose Nähe, die stille Beobachtung, die statischen Einstellungen. Die scheinbare „Kunstlosigkeit der Bilder“ verbietet sich bewusst eine Ästhetisierung. Die Summe der Filme von Jan Soldat ergibt eine intensive Beschäftigung mit männlichem Begehren, Sexualität und Fetischismus – immer mit einem Impuls sozialkritischer Reflexion, der sich nie ins Zentrum drängt. Auch BLIND DATE gibt diese Fragen an das Publikum weiter.

Nach langer Diskussion vergibt die Jury das Prädikat wertvoll.