Alles was kommt

Kinostart: 18.08.16
2016
Filmplakat: Alles was kommt

FBW-Pressetext

Nathalie ist Ende 50, Philosophielehrerin und Autorin philosophischer Lehrbücher. Sie lebt mit ihrem Ehemann, einem Philosophiedozenten, und ihren beiden erwachsenen Kindern in einem etablierten, intellektuell geprägten Haushalt in Paris. Nathalie kümmert sich um ihre labile, besitzergreifende Mutter, fördert einen talentierten, ehemaligen Schüler, sie führt den Haushalt und scheint mit ihrem Leben in Einklang. Doch dann beginnen unerwartete Ereignisse sämtliche Bereiche ihres Alltags umzuwälzen: ihr Verlag stuft Nathalies Lehrbücher als unzeitgemäß und nicht weiter tragbar ein, ihr Lieblingsschüler schlägt einen anderen geistigen Weg ein. Dann verstirbt Nathalies Mutter und ihr Mann verlässt sie für eine jüngere Frau. Nun steht Nathalie vor der Aufgabe, ihr Leben neu ordnen zu müssen. In ihrer fünften Regiearbeit zeichnet die Filmemacherin Mia Hansen-Løve das Porträt ihrer Protagonistin und demonstriert dabei ein außerordentlich feines Gespür für leise Töne und prononcierte Nuancen. Hansen-Løve erzählt die einschneidende Phase aus dem Leben einer Frau jenseits der 50 äußerst präzise und ohne jegliche Dramatisierung mit pointierten Dialogen. Im ruhigen, unaufgeregten Erzählfluss von ALLES WAS KOMMT spiegeln sich der unaufhörliche Fluss der Zeit und die damit verbundene Unaufhaltsamkeit von Veränderungen wider. Diese Veränderungen führen für Nathalie zu Verlust, zum Alleinsein, aber auch zu einer neu erlangten Freiheit wider Willen, mit der sie sich erst arrangieren muss. Mit ihrer unwiderstehlichen Art verleiht Isabelle Huppert der Hauptfigur facettenreiche Konturen und lässt sie zwischen Selbstsicherheit und Unsicherheit, zwischen Stärke und Fragilität, zwischen Entschluss und Zweifel pendeln. Die unaufdringliche Dramaturgie des Films hebt sich positiv von gängigen Modellen ab und mündet in ein Ende, das auch den Zuschauer selbst zu Reflexionen über das (eigene) Leben einlädt. Mit seinem großen erzählerischen und filmischen Gespür für das, was das Leben mit sich bringt, ist ALLES WAS KOMMT eine klug inszenierte, gut beobachtete Charakterstudie, die den Zuschauer mit auf seine berührende Reise nimmt.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Mia Hansen-Løve
Darsteller:Isabelle Huppert; Roman Kolinka; Edith Scob; André Marcon; Sarah Le Picard; Solal Forte
Drehbuch:Mia Hansen-Løve
Kamera:Denis Lenoir
Schnitt:Marion Monnier
Musik:Raphael Hamburger
Länge:102 Minuten
Kinostart:18.08.2016
Verleih:Weltkino Filmverleih
Produktion: CG Cinéma, Detail Film;
FSK:0
Förderer:Deutsch-Französische Förderkommission; HessenInvestFilm

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Die unverwechselbare Charakterdarstellerin Isabelle Huppert prägt diesen Film über Einsamkeit, Liebe und das Älterwerden, aber auch die Veränderungen in der Gesellschaft. Das stille Drama war eines der Highlights im Wettbewerb der Berlinale 2016, die Regisseurin wurde mit dem Silbernen Bär für die Beste Regie ausgezeichnet.
Die 35jährige Autorenfilmerin bleibt ihren Lieblingsthema, dem Verlust eines geliebten Menschen, auch in ihrem fünften Film treu. In ihrem Debüt TOUT EST PARDONNÉ wendet sich der Vater einer Familie einer anderen Frau zu. Zwei Jahre später inspirierte sie der Tod ihres Mentors Humbert Balsan zum Drama DER VATER MEINER KINDER. 2011 variierte sie ihre Vorliebe für die Auseinandersetzung mit dem Verlassenwerden und Einsamkeit in EINE JUGENDLIEBE, in der eine Frau nicht von dem angebeteten Mann lassen kann.
ALLES WAS KOMMT steht zudem in der Tradition der Meisterwerke des französischen Kinos. Das Drama folgt ohne größere Höhen und Tiefen oder Spannungskurven einfach dem Fluss des Lebens der Philosophin und Lehrerin Natalie. Ihre Träume hat die Ex-Kommunistin und Alt-68erin längst gegen ein bourgeois alternatives Leben eingetauscht. Sie ist die Kontrolle selbst, alles hat sie im Griff. Sie führt eine normale Ehe, die Kinder sind aus dem Haus.
Ihr Glück gerät aus dem Gleichgewicht, als ihr Mann sie verlässt und der Verlag, der ihre Bücher über die Klassiker der Philosophie verlegte, ihr kündigt. Das Interesse des Publikums ist zu gering. Die Welt von Natalie und ihre Lebensweise sind vom Aussterben bedroht.
Die Kamera fängt das auf. Stand Natalie lange im Zentrum des Bildes, rückt sie unmerklich in die Peripherie. Räume öffnen sich, auch landschaftlich. Entfremdung und Fremdbestimmung sind beendet. Natalie könnte sich jetzt frei fühlen, doch mit der unverhofften Freiheit will und kann sie wenig anfangen. Leere breitet sich in ihrem Innern aus, über die auch die Treffen mit ihrem Muster-Schüler nicht hinwegtrösten kann. Der hat sich mit seiner Freundin und einer Diskussionsgruppe aus Deutschland auf einem alternativen Bauernhof in der Provence zurückgezogen. Hier erlaubt sich der Film einen schonungslosen, beinahe gehässigen Blick auf eine Generation, die sich von der Gesellschaft entfernt, die sie vorgibt, verändern zu wollen.
Die stets äußerlich verletzbar wirkende Isabelle Huppert spielt den Selbstbehauptungswillen von Natalie wie stets mit minimalistischen Mitteln. Eine andere Schauspielerin ist in der Rolle der Natalie kaum vorstellbar.