Alles Fifty Fifty

Kinostart: 07.03.24
2023
Filmplakat: Alles Fifty Fifty

FBW-Pressetext

Der Traum aller Scheidungseltern: Endlich kein Streit mehr um den Nachwuchs mit einer genialen 50-50-Regelung. Was dabei alles schiefgehen kann, zeigt diese Wohlfühlkomödie um Lieben und Lieben lassen.

Eine Scheidung muss für den Sprössling der Familie nicht unbedingt zum Nachteil sein. Vor allem, wenn der elfjährige Sohn Milan mit seinen Vorzeigeeltern Marion und Andi vermeintlich den Erziehungsjackpot geknackt hat. Denn Marion und Andi teilen sich ihren Sohn zu gleichen Teilen auf, fifty-fifty eben. Das führt bis zu einem gemeinsamen Sommerurlaub in Italien, bei dem sich jedoch überraschende Schwächen der gar nicht so wasserdichten Abmachung der Eltern auftun. Dabei wäre der verwöhnte Sohn einer wasserdichten Erziehung gar nicht mal so abgeneigt, denn Milan hat noch nicht einmal Schwimmen gelernt und spielt seine überforderten Eltern gekonnt gegeneinander aus. Damit soll aber nun Schluss sein! Marion und Andi greifen durch und merken dabei gar nicht, wie ihnen ihr Sohn bei seiner ersten Sommerliebe langsam entgleitet.

Auch im Streit merkt man dem herausragend glaubwürdigen Cast von ALLES FIFTY FIFTY direkt an, dass die Chemie einfach stimmt. Laura Tonke als Mutter Marion und Moritz Bleibtreu als Vater Andi, beide absolute Karrieremenschen brillieren als Scheidungseltern, die nur das Beste für ihren Sohn Milan, schelmisch gespielt von Valentin Thatenhorst, wollen und ihn daher mit allerlei Fürsorge und technischem Schnickschnack überhäufen. Dass der Elfjährige dabei kaum zu Wort kommt und regelmäßig in den Familienbesprechungen links liegen gelassen wird, baut sich mehr und mehr zum Running Gag im Film auf. Ohnehin sprüht die Regiearbeit von Alireza Golafshan von augenzwinkernden Witzen, die in genau der richtigen Mischung zu stilleren Momenten der Erzählung stehen. Möglich macht das außerdem die intelligente Montage des Films, für die Golafshan ebenfalls verantwortlich zeichnet. Fast schon dem psychologischen Stil eines Steven Spielberg entsprechend werden hier Perspektiven der Trennung zwischen den Eltern und dem Sohn und seinen Eltern montiert, das Timing der Witze perfekt aufeinander abgestimmt und Grotesken so pointiert eingesetzt, dass die Komödie eine ungeahnte, mehrdimensionale Tiefe erhält. Dabei nimmt sich der Film für gewisse Szenen wie der endlos einen Berghang hinabrollenden Melone angenehm viel Zeit und zeigt damit einen Humor, der sich einfach gut anfühlt. Und schlussendlich gibt es oben drauf noch ein Happy End, mit dem sich jeder anfreunden kann, Kinder, Scheidungseltern und solche, die es noch werden wollen.

Filminfos

Gattung:Komödie; Spielfilm
Regie:Alireza Golafshan
Darsteller:Moritz Bleibtreu; Laura Tonke; Valentin Thatenhorst; David Kross; Axel Stein; u.v.a.
Drehbuch:Alireza Golafshan
Kamera:Matthias Fleischer
Schnitt:Alireza Golafshan
Musik:Carlos Cipa
Länge:113 Minuten
Kinostart:07.03.2024
Verleih:Leonine
Produktion: Wiedemann & Berg Filmproduktion GmbH & Co. KG, SevenPictures; Leonine Studios;
FSK:6
Förderer:FFA; MBB; FFF Bayern; DFFF

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die Scheidung haben Andi und Marion richtig gut hinbekommen, war ja auch ein hartes Stück Arbeit. Ihrem Sohn Milan mangelt es an nichts, oder doch?

Schon die erste Sequenz setzt nicht nur Thema, Tonfall, Stil und Tempo für diese gleichermaßen leichte wie kluge Beziehungskomödie. Sie bereitet auch die Bühne für das zentrale Duo: Laura Tonke und Moritz Bleibtreu laufen unter der Regie von Alireza Golafshan zur Höchstform auf. Nur ein Tisch trennt die beiden ambitionierten Anwält*innen von den besorgten Lehrerinnen auf der anderen Seite, die ihnen erklären müssen, dass das so mühsam verhandelte Familien-Modell – eben alles genau zu teilen – große Lücken aufweist und Milans Schulkarriere (und Wohlergehen) am seidenen Faden hängt. Doch noch sind die beiden glücklich Geschiedenen nicht bereit, sich auf die Gefühlsebene zu begeben. Die Situation wird verhandelt wie ein Gerichtsverfahren. Fall gewonnen, Fall geschlossen, weiter geht es.

Leider nicht, denn die komplizierte Terminplanung führt zu einem unfreiwilligen gemeinsamen Sommerurlaub in Italien, zu dem David Kross als Marions neuer, etwas unterbelichteter Freund und fünftes Rad am Wagen hinzu stößt. Spätestens ab hier ist kein Halten mehr: Die Kamera schwebt in komponierten Bildern durch den Hotelkomplex (besonders gelungen: das Farbschema), der Schnitt perlt nur so über die gefeilten Dialoge und präzisen Blicke, forciert das Tempo und nimmt sich dann wieder Zeit, wenn es emotional wird. Hier ist deutlich spürbar, dass Regie und Schnitt in einer Hand lagen.

Physische wie verbale Humorsequenzen werden anhand von kleinen Situationen (z.B. Marion sperrt sich aus dem Hotelzimmer aus) aufgebaut und elegant gesteigert, ohne dass die Figuren bloßgestellt werden. Vielmehr lacht man über die Situationen und die verworrene Gefühlslage, die aber immer am Thema bleibt: Wie kann gemeinsame Kindererziehung funktionieren, wenn es das Gemeinsame nicht mehr gibt? Dies wird dramaturgisch gespiegelt in dem Parallelstrang auf dem Campingplatz, wo erst Milan und dann Andi unerwartete Verbündete finden.

Uneinigkeit herrscht in der Jury einzig bei dem Setting im italienischen Luxushotel, in dem die Münchner Upperclass absteigt: Während einerseits das leicht entrückte Sommer-Feeling als gewinnbringend für das Genre der Komödie gesehen und in kalten Wintertagen (Kinostart im Januar) für sonnige Momente sorgen wird, stellt sich andererseits die Frage, ob das universelle Thema der gelungenen Trennung nicht durch die überakzentuierte Wohlstandsverwahrlosung in der Bedeutung abgeschwächt wird. Zwar wird in der Parallelhandlung auf dem Campinglatz eine weitere Trennungsgeschichte erzählt, die überspitzt in einer anderen Schicht angesiedelt ist. Diese trägt aber eher dazu bei, die beiden Star-Anwälte in ihrer finanziellen Unangreifbarkeit zu betonen, als den Blick zu weiten.

Am Ende müssen sich alle Charaktere bewegen, damit es gut ausgehen kann. Der Film lässt aber keine monokausale Erklärung zu und begnügt sich auch nicht mit einem platten Happy End. Die Zartheit der Inszenierung und die Spielfreude der Schauspieler*innen tragen hier massiv zum Gelingen dieser eleganten Komödie bei.

Die FBW-Jury vergibt gerne das Prädikat „besonders wertvoll“.