All Ihre Sterbenden Liebhaber

Filmplakat: All Ihre Sterbenden Liebhaber

FBW-Pressetext

Sie war Krankenschwester. Gut in ihrem Beruf. Und anziehend für die Soldaten. Soldaten aus Nazi-Deutschland, die während des Krieges in ihr Heimatdorf in der Tschechoslowakei kamen und sie vergewaltigten. Wieder und wieder. Bis sie an Syphillis erkrankte. Und entschied, sich auf die einzige Art und Weise zu rächen, die ihr noch blieb. In ihrem Animationskurzfilm ALL IHRE STERBENDEN LIEBHABER erzählen die Filmemacherinnen Anna Benner und Eluned Zoe Aiano eine Geschichte irgendwo zwischen „Realität und Fiktion“, wie sie es selbst nennen. Als Erzähler fungieren Bewohner der tschechischen Stadt Trebon, die diesen scheinbar historisch belegten Vorfall schildern, ohne ihn selbst bezeugen zu können. Die gnadenlose Unausweichlichkeit des Schicksals konterkarieren Benner und Aiano durch sanfte Animationen des Alltagslebens. Das Zurechtmachen vor dem Spiegel, das Schälen und Schneiden von Kartoffeln, das Ausnehmen eines Fisches. Es sind harmlose Bilder, die sich wegen der Eindrücklichkeit der Tonebene während der Rezeption als unvergesslich einbrennen und die eindrücklich klar machen, dass hier ein Mensch zu einer Tat getrieben wird, dem man zu einem Objekt gemacht hat. Und der sich dennoch die letzte Würde nicht nehmen lässt und sich weigert, passives Opfer zu sein, von dem man später nur halbwahre Geschichten erzählt. Mit ALL IHRE STERBENDEN LIEBHABER gelingt Benner und Aiano ein metareflexives Kunstwerk, das noch lange nach Ende des Films nachwirkt.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Animationsfilm; Kurzfilm
Regie:Eluned Zoe Aiano; Anna Benner
Drehbuch:Eluned Zoe Aiano; Anna Benner
Schnitt:Eluned Zoe Aiano
Musik:Raphael Tschernuth
Länge:5 Minuten
Produktion: ZLA Films Anna Benner

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Eine Geschichte, von der niemand mehr genau sagen kann, ob sie wahr ist, also eine Legende wird hier auf der Tonebene von einer Vielzahl von Stimmen nacherzählt. Eine Frau soll in den 1940er Jahren von einem deutschen Soldaten vergewaltigt worden sein und als sie herausfand, dass er sie mit Syphilis angesteckt hat, soll sie aus Rache andere Soldaten verführt und so die Krankheit unter ihnen verbreitet haben. Die Gespräche wurden mit heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern des tschechischen Ortes, in dem dies passiert sein soll, geführt und jede Stimme fügt ein neues Detail oder einen andere Bewertung zu der kollektiv erzählten Geschichte hinzu. Auf der Bildebene haben die beiden Regisseurinnen Anna Benner und Eluned Zoe Aiano Filmaufnahmen vom Körper und verschiedenen Bewegungen der Darstellerin Lioba Grunow gemacht, die sie dann im Rotoskopie-Verfahren mit der Hand gezeichnet animiert haben. Diese Bilder zeigen die junge Frau zuerst bei alltäglichen Arbeiten, dann den Bruch, nach dem sie ihre Verwundungen in ihrem Intimbereich zeigt und körperlich wie zerstört wirkt. Für ihren Rachefeldzug macht sie sich wieder schön und nutzt dabei ihre Attraktivität wie eine Waffe. Ihre Opfer werden durch Fische symbolisiert, die sie in der Küche ausnimmt. Die Animation ist zugleich stilisiert und sehr körperlich und diese Bilder von der namenlos bleibenden Protagonistin wirken wie ein Beleg für den Wahrheitsgehalt der Legende. Dabei scheint es Benner und Aiano überhaupt nicht zu interessieren, ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht. Sie arbeiten geschickt mit Entsprechungen, Reibungen und Widersprüchen zwischen den Interviewfragmenten und ihren Bildern. Dabei bleiben sie stets sachlich Und so ist ihnen ein klug durchdachtes und stilistisch konsequentes Filmkunstwerk gelungen, das mit dem höchsten Prädikat ausgezeichnet wird.