Stiller Frühling

FBW-Pressetext

Furios dieses augenzwinkernde Vexierspiel, in dem Nico Sommer die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen lässt. Im klassischen Dokumentarstil wird der 21jährige Sebastian - ausgezeichnet dargestellt von Tom Lass - interviewt, dessen Lebenskrise darin besteht, dass er zu schüchtern für das andere Geschlecht ist. Um nun endlich seine männliche Jungfernschaft ein für allemal in die Vergangenheit zu befördern, sucht er Rat bei seinem Großvater und einer Psychotherapeutin. Seine Odyssee spart nicht mit Kritik am gesellschaftlichen Status quo, bleibt dabei aber geistreich und driftet nicht in den Slapstick ab. Bravo - da capo!
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Kurzfilm
Regie:Nico Sommer
Darsteller:Tom Lass; Thorsten Kaphahn
Drehbuch:Nico Sommer
Länge:45 Minuten
Produktion: süsssauer Filmproduktion Nico Sommer, Kunsthochschule Kassel

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Sebastian (21) findet es zum Verzweifeln schwierig, ein Mädchen anzusprechen. Er begibt sich in die Hände einer munter-mütterlichen Therapeutin - und sucht gar bei seinem Opa Rat, für den die alte Beziehungswelt noch ihre Ordung hat.

Regisseur Nico Sommer zeigt im Dutzend Planspiele und Versuche der Kontaktaufnahme. Diese Szenen kommen mal hinreißend komisch daher - mal lösen sie die schiere Beklemmung aus. Vor allem aber erzählt Sebastian von seinen Erfahrungen und seiner Sehn-Suche.

Dies wirkt so lebensecht - so authentisch, dass sich das Publikum in einer Dokumentation wähnt. Die SchauspielerInnen tragen entscheidend - überzeugend - dazu bei. Sie leisten Großartiges, allen voran Tom Lass (als Sebastian) und Thorsten Kaphahn (als Opa).

Nico Sommer gelingt mit seinem Film ein furioses Vexierspiel. Er verwischt die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation - und parodiert Gattungen und Genres. Er imitiert klassischen Interview-Dokumentarismus und karikiert die Absurditäten diverser "Reality"-Formate. Dabei verdichtet Sommer Kommunikations- und Gender-Klischees auf so entlarvende wie unterhaltsame Weise. Stiller Frühling steht für einen doppelten (und doppelbödigen) Blick auf die gängigen Inszenierungen der Medien und auf so manch einschlägige Sichtweise unseres Beziehungsalltags.

Eben darum ist der Film gewiss auch ein Glücksfall für die (medien-)pädagogische Arbeit.