Poll

Filmplakat: Poll

FBW-Pressetext

Die 14jährige Oda kommt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf das abgelegene Hofgut ihres Vaters in Estland. Während sich das Familienoberhaupt immer mehr in seine medizinischen Forschungen an Toten hineinsteigert und mit den Russen sympathisiert, freundet sich Oda mit einem estnischen Anarchisten an, den sie versteckthält und dem sie helfen will. Der ganzen Familie wird klar: Nach diesem Sommer wird die Welt für alle Beteiligten eine andere sein. Chris Kraus liefert mit diesem historischen Epos ein beeindruckendes Sittengemälde rund um die Figur der Dichterin Oda Schäfer, die eine der bekanntesten Dichterinnen ihrer Zeit war. Die Kameraarbeit von Daniela Knapp ist herausragend und setzt das imposante Dekor auf eine schon fast malerische Art in Szene. Die junge Darstellerin der Oda, Paula Beer, ist eine wahre Entdeckung und spielt natürlich und mitreißend. Beigeordnete Handlungsstränge ergänzen den zentralen Konflikt rund um die Hauptfigur und werden durch eine stringent durchdachte Dramaturgie gekonnt miteinander verflochten. Eine mutig inszenierte zwischenmenschliche Tragödie von großer künstlerischer Kraft.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Chris Kraus
Darsteller:Paula Beer; Edgar Selge; Tambet Tuisk; Richy Müller; Jeanette Hain
Drehbuch:Chris Kraus
Kamera:Daniela Knapp
Schnitt:Uta Schmidt
Musik:Annette Focks
Webseite:poll-derfilm.de;
Länge:134 Minuten
Kinostart:03.02.2011
Verleih:Piffl
Produktion: Kordesfilm GmbH & Co.KG, Dor Film; Amrion; SWR; BR; arte; ARD; Degeto; ORF
FSK:12
Förderer:BKM; MBB; FFF Bayern; Filmstiftung NRW; Eurimages

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll erteilt.

Oda, ein junges Mädchen, begleitet den Sarg ihrer Mutter von Berlin nach Estland, wo ihr Vater lebt. Er ist Forscher, hat sich der Wissenschaft verschrieben und experimentiert in seinem Labor mit Leichen, die er den aufständischen russischen Anarchisten abkauft. Seine Frau, die ihn mit dem Gutsverwalter hintergeht, langweilt sich an seiner Seite. Die Dienerschaft verhält sich latent feindselig gegenüber den aristokratischen Gutsbesitzern und zusätzlich wird ein Regiment berittener Soldaten auf dem Gut einquartiert. In dieser Wirklichkeit muss sich Oda zurechtfinden und fühlt sich ganz und gar nicht wohl. Da scheint es für ihre Wissbegier und Neugier, ihr Vater nennt es ihren „männlichen Geist“, gerade recht zu kommen, dass sie im Strandhaus auf einen jungen Anarchisten trifft, der sich schwer verletzt dort versteckt hat und den sie pflegt und mit Lebensmitteln versorgt.
Die hauptsächlich aus der Perspektive Odas erzählte, sorgfältig konstruierte Geschichte lässt das Sterben einer gesellschaftlichen Schicht deutlich werden, die in ihrer Unbeweglichkeit fremd wirkt, aber gleichzeitig die menschliche Dimension erlebbar werden lässt.
Die Gesellschaft, die hier versammelt ist, scheint eine Endzeitstimmung zu verkörpern. Auch die junge Oda befindet sich, durch den Tod ihrer Mutter und die fremde, fast feindselige Atmosphäre, in der sie nun lebt, in ständiger Anspannung, aber gleichermaßen auch in Melancholie. Diese widersprüchliche Haltung wird von der junge Schauspielerin Paula Beer perfekt verkörpert. In ihrer glaubwürdigen Darstellung finden sich analytische Neugier, aber auch die naive Radikalität einer Vierzehnjährigen ebenso wie schwärmerische Hingabe und Koketterie.
Kamera und Schnitt arbeiten subtil genug, jeder Szene ihr Geheimnis zu lassen. Es entsteht der Bilderbogen einer fernen, fremden, untergehenden Epoche überaus glaubwürdig, dabei distanziert in der Betrachtung der Situation, dennoch opulent, farbig und tragisch. Die Inszenierung präsentiert eine große Geschichte, niemals kitschig, mit großem, dem Anlass angemessenem Pathos. „Besser kann man Tragik nicht inszenieren„ darin war sich die Jury in der Mehrheit einig. Der Schnitt trägt dazu bei, dass anrührende, poetische Momente entstehen. Das Pathos das die Epoche prägte, wird spürbar, ohne dem Film eine politische Färbung zu geben. Als großer Ausstattungsfilm zeigt er ein production value, das nur selten bei einer Produktion dieser Größenordnung erreicht wird. Die Nebenstränge der Handlung sind gut eingebunden und machen die Beziehungen zwischen den Personen deutlich.
Die Jury war sich überwiegend darin einig, dass hier ein großes Sittengemälde entstanden ist, das die Verhältnisse der damaligen Epoche in ihrer Tragik mit angemessen künstlerischen Mitteln darstellt. Der Einwand, dass die Liebesgeschichte nicht emotional eindeutiger inszeniert wurde, schränkt die Qualität des Films nicht ein, sondern kann auch als Stärke gesehen werden.
Daher sprach sich die Jury für das Prädikat besonders wertvoll aus.