Lomo - The Language of Many Others

Kinostart: nkT
2017
Filmplakat: Lomo - The Language of Many Others

FBW-Pressetext

Karl will nicht. Er will nicht so sein wie seine Zwillingsschwester, die schon genau weiß, dass sie nach dem Abi ins Ausland zum Studieren geht. Er will nicht so werden wie seine Eltern, die in ihrer gutbürgerlichen Vorstadtblase den Draht zu ihren Kindern schon längst verloren haben. Und er will nichts mit seinen Mitschülern zu tun haben, mit denen er nichts gemeinsam hat. Nur in seinem Blog, in dem er über Einsamkeit, die Bewusstseinszustände des Menschen, über Ängste und Träume philosophiert, da fühlt er sich sicher und verstanden. Denn da hat er Follower, die ihn bewundern, die ihn ernst nehmen. Doch als er sich in seine Nachbarin Doro verliebt und aus Enttäuschung prekäre Aufnahmen von ihr ins Netz stellt, gerät seine Welt aus den Fugen. Für seine Eltern ist der Fall klar: Karl soll endlich erwachsen werden und für seine Handlungen Verantwortung übernehmen. Doch Karl entscheidet sich für einen anderen Weg. Er vertraut sich seinen Followern im Netz an – und gibt damit die Kontrolle über sein Leben aus der Hand. Julia Langhofs Langfilmdebüt LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS setzt sich mit dem Phänomen Social Media auseinander. Immer mehr lässt der Film, auch in seiner Inszenierung und Visualisierung, die Grenze zwischen der realen und der digitalen Welt verschwimmen. Die Bilder sind durchzogen von Kommentaren und Posts, die immer mehr auch auf der Tonebene für desorientierende Spannung sorgen. Man spürt förmlich den Druck, dem Karl, den Jonas Dassler mit genau der richtigen Portion Lethargie, Resignation und Melancholie spielt, ausgesetzt ist. All die Erwartungen der Konformität, die seine Eltern, glaubhaft um sich selbst kreisend gespielt von Marie-Lou Sellem und Peter Jordan, in ihn setzen, kann er nicht erfüllen. Doch seine Wünsche, Sehnsüchte und Träume zu erklären, gelingt ihm auch nicht. Dies führt zu einer Spirale der Hoffnungslosigkeit, die Langhof bis zum radikalen Ende konsequent durchdekliniert. Auch inszenatorisch geht LOMO kreative und innovative Wege. Szenen wie eine Fahrt in der Waschstraße lässt Langhof zu einem Farb- und Lichttraum werden und auch sonst spielt sie geschickt mit dem Einsatz filmischer Stilmittel. LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS ist ein fesselndes und dicht erzähltes Drama.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Julia Langhof
Darsteller:Jonas Dassler; Lucie Hollmann; Eva Nürnberg; Karl Alexander Seidel; Marie-Lou Sellem; Peter Jordan; Julika Jenkins; Rainer Sellien; Barbara Philipp
Drehbuch:Thomas Gerhold; Julia Langhof
Kamera:Michal Grabowski
Schnitt:Thomas Krause; Halina Daugird
Musik:Torsten Reibold
Länge:101 Minuten
Kinostart:
Verleih:Farbfilm Verleih
Produktion: Flare Film GmbH, BASIS BERLIN Filmproduktion; cine plus; RBB; ARTE G.E.I.E.;
Förderer:MBB; KJDF

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

LOMO ist ein Film, an dem sich sicherlich die Geister scheiden werden. Und dies taten sie zunächst auch in der Jurysitzung. Julia Langhofs Film erzählt eine ungewöhnliche Coming-Of-Age-Geschichte eines Jugendlichen aus einem offensichtlich privilegierten Berliner Milieu.
LOMO ist das Pseudonym, das Karl in seinem Internetblog language-of-many-others.com führt. Während der schüchterne 17-Jährige im Realleben eher durch Gleichgültigkeit auffällt, tauscht er sich im Blog recht kreativ mit anderen Teenagern über Schule, Leben, Eltern u.v.m. aus. Zunehmend scheint die Virtualität über Karls Realität zu dominieren. Dann hat er die Idee, Filmclips, zunächst seiner Familie, und dann von ihm und seiner Mitschülerin Doro beim Sex hochzuladen und Karls Probleme beginnen.
LOMO ist ein handwerklich glänzend gemachter Film über den Einzug des Virtuellen in den Alltag von Teenagern. Während sich Karl eher mühsam durch seinen Alltag hangelt, begleiten ihn beständig die Kommentare seiner Follower im Blog. Die Jury zeigte sich in der anschließenden Diskussion beeindruckt vom filmtechnischen Können, mit dem es Julia Langhof gelingt, diese parallel verlaufenden Welten im Film zu kombinieren. Ästhetisch und wirkungsvoll erhalten die Zuschauer ein Verständnis von Karls multisensorischer Alltagswahrnehmung.
Eine rege Diskussion entstand dagegen rundum das konstruierte Setting. Und in der Tat gehören eine Nachbarschaft, in der nur wenige Menschen stadtbewegende Dinge geschehen lassen, oder eine Senatorin, die alleine über Projektvergaben entscheiden kann, nicht zum realen Alltag in Deutschland. Allerdings entschied die Jury, dass diese verstellte Realität zur Sicht Karls gehört, der die Handlungen von Eltern und Erwachsenen genauso wenig verstehen will, wie diese die Welt des Schülers. Und so erklärt sich letztlich auch, warum Karls virtuelle Handlungen zum Katalysator für die realen Probleme seiner Umwelt werden können.
Besonders beeindruckt zeigte sich die Jury von der Liebe zum Detail. LOMO hat durch sein Spiel mit Licht und Schärfe, seine versierten Schnitte und schöne Szenen begeistert, die mit nur wenigen Einstellungen großartig erzählen können, so, wie ein kleiner Ausflug in eine Waschanlage, in der sich eine Liebe anbahnt und für angenehmes Kribbeln beim Publikum sorgt.
Erfreut zeigte sich die Jury auch vom Casting. Besonders Jonas Dassler als Karl, der mit seinen deutlichen Wangenknochen und seiner üppigen Mähne sicherlich auch einen Starcharakter unter der Zielgruppe entwickeln wird, besticht durch seine authentische Darstellung des indolenten Jugendlichen.
Je mehr Karls reales Leben aus den Fugen gerät, desto mehr Unterstützung erfährt er bei seinen Followern im Netz. Und so scheint es auch recht plausibel, dass ihn die Virtualität gleich einem Rausch aus der Realität verdrängt. Schließlich raten ihm seine Follower zu seinen nächsten Schritten in der realen Welt. Dies geschieht, wie in Blogs und Foren üblich, mit großer Überheblichkeit und ohne genaue Kenntnis der realen Situation. Aber, um Missverständnissen vorzubeugen, LOMO zeigt sich niemals technophob. Der Film bedarf keines erhobenen Zeigefingers, um vor den Gefahren des Virtuellen zu warnen, er treibt gekonnt auf die Spitze und lässt zum Glück viele Fragen offen.
Für so viel Kreativität, handwerkliches Können und Hingabe an ein Projekt verleiht die Jury LOMO das Prädikat besonders wertvoll.