Filmplakat: Jedermann

FBW-Pressetext

Philipp Hochmair ist Schauspieler. Ob für Kamera oder Bühne, ob für ein großes oder ein kleines Publikum – Hochmair ist nur dann in seinem Element, wenn er spielen kann und wenn er eine Rolle annimmt, sie ausfüllt und sie ihn ausfüllt. Im Jahr 2013 begann Hochmair, Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ als Ein-Personen-Stück zu entwickeln. Die Filmemacherin Katharina Pethke begleitet Hochmair bei diesem Unternehmen. Doch anstelle von simplen Beobachtungen von Hochmairs Kunst geht sie in ihrer Dokumentation noch einen Schritt weiter. Gekonnt und kunstvoll inszeniert sie die Beobachtungen. Die Räume, die sie filmt, gestaltet sie mit besonderem Licht, arbeitet mit Montage, mit Auslassungen, zeigt den Künstler in seinem Wirkungskreis und macht so auch seine Besessenheit und Getriebenheit deutlich. Vor allem am Ende des Films, wenn Hochmairs Performance beendet ist und er in der Garderobe sitzt, wird die enge Beziehung des Darstellers zum Rezipienten deutlich. Hier schaut Hochmair in die Kamera. Er ist leer, wie ausgepumpt, er hat alles gegeben. Doch die Kamera lässt ihn nicht los, fordert ihn, beobachtet ihn weiter. Hier spürt man, wie nah sich Film und Gefilmter kommen. Und man spürt auch die Faszination, die Hochmair und sein Beruf auf den Betrachter ausüben. Genau das ist die Dokumentarfilmkunst, die Pethke und ihr Film JEDERMANN leisten. Eine spannende und künstlerisch ganz eigene Beobachtung über einen Künstler, seine Kunst und sein Wesen.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Katharina Pethke
Drehbuch:Katharina Pethke
Kamera:Katharina Pethke; Eric Bossalier
Schnitt:Daniela Kinateder
Musik:Gernet K. Sharma
Länge:30 Minuten
Kontakt:Katharina.pethke@yahoo.de
Produktion: Katharina Pethke
Förderer:BKM; FFHSH

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Der österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmair - nur gelegentlich im Kino zu sehen - gilt als eine der Ausnahmeerscheinungen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ein Spielwütiger, der vollkommen in seinen Rollen aufgeht und der beispielsweise Hugo von Hofmannsthals berühmten „Jedermann“ als One-Man-Show auf die Bühne bringt, in der er jede einzelne der zahlreichen Rollen selbst übernimmt. Ein Kraftakt, der seinesgleichen sucht. Katharina Pethkes dokumentarisches Essay ist der Versuch einer Annäherung an diesen Mann, der selbst angesichts der Kamera immer zu spielen scheint. Auf diese Weise entsteht ein elegantes Vexierspiel um (Schau)Spiel und Leben, Fiktion und Realität, Rolle und Selbst.

Die Impressionen, die Pethke dabei einfängt, fügen sich beinahe beiläufig zu einem schillernden Mosaik zusammen, das verschiedene Aspekte und Facetten des Ausnahme-Schauspielers vereint: Seine unglaubliche Vitalität, seine Rastlosigkeit und Unruhe, die ihn atemlos von Ort zu Ort, von Rolle zu Rolle hetzen lässt, das Unbehauste seiner Existenz, das nur ganz selten zu Ruhe oder gar zu Stillstand kommt. Und gelegentlich blitzt zwischen diesen Bildern auch eine Form der Verlorenheit durch, die Ahnung eines Mannes, der vielleicht vor lauter Rollen und Aneignungen fremder Menschen gar nicht mehr selbst weiß, wer er eigentlich wirklich ist.

Dabei ist der Film trotz seiner Nähe zu dem Schauspieler keineswegs ohne Distanz: Der für den Beruf eines Schauspielers vielleicht notwendige Narzissmus, der hier immer wieder durchscheint, seine Freimütigkeit, mit der er bekennt, dass er geradezu süchtig ist nach verschiedenen Formen von (Liebes)Beziehungen, sein ständiges Posieren und Sich-Ausstellen - all das ist nicht nur sympathisch, sondern zeichnet ein durchaus ambivalentes Bild des Mimen, ohne diesen jemals bloßstellen zu wollen.

Am Ende sehen wir Hochmair nach seinem Auftritt, er wirkt erschöpft und zum ersten Mal auch ein wenig genervt von der ständigen Anwesenheit der Kamera, die ihm in diesem Moment der Verausgabung auf den Leib rückt. Ein Blickduell, ein Lachen und dann der Wurf mit der gerade abgezogenen Perücke lassen urplötzlich einen Mensch aufscheinen, der eine ganz weiche und verletzliche Seite offenbart. Und ja - man würde durchaus gerne mehr von diesem Ausnahmekünstler in Erfahrung bringen - sofern er einen denn ließe.

Die Jury der FBW erteilte diesem stimmigen und vielschichtigen Porträt eines Schauspielers das Prädikat „besonders wertvoll“.