Ich und Earl und das Mädchen

Kinostart: 19.11.15
VÖ-Datum: 24.03.16
2015
Filmplakat: Ich und Earl und das Mädchen

FBW-Pressetext

Als Greg von seiner Mutter losgeschickt wird, um mehr Zeit mit Rachel zu verbringen, ist er nicht gerade begeistert. Ja, Rachel geht mit ihm in die Abschlussklasse der High School. Aber er redet kaum mit ihr. Ja, Rachel hat Leukämie. Aber da kann er doch auch nichts dran ändern. Ja, Greg hat wenig andere Freunde. Aber Freunde will er im Grunde ja auch nicht. Lieber dreht Greg Filme, zusammen mit Earl, den er allerdings eher als „Arbeitskollegen“ bezeichnet. Schon 42 Filme haben die beiden fertiggestellt, jeder einzelne eine Hommage an einen Arthouse-Klassiker. Als Greg Rachel von seinen Filmen erzählt, ist diese begeistert und will alles darüber wissen. Der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft, in der Greg langsam herausfindet, dass ein wichtiger Bestandteil des Lebens nun einmal ist, andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Der Film von Alfonso Gomez-Rejon, der auf der gleichnamigen erfolgreichen Buchvorlage von Drehbuchautor Jesse Andrews basiert, überrascht mit einem überbordenden Ideenreichtum. In seiner Verspieltheit und seiner Kreativität erinnert ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN an Filme von Michel Gondry. Da gibt es animierte Sequenzen im Stoptrick, visualisierte Gedanken, eine lakonisch-philosophische Erzählerstimme und so viele Szenen, die zunächst einmal wie Standards aus einem typischen Coming of Age-Film wirken – und diesen dann eben doch widersprechen. Denn immer geschehen Kleinigkeiten, mit denen man gar nicht rechnet, verlaufen Dialoge statt in eine hochbedeutsame Message in ein wunderbar leichtes und beschwingtes Nichts. Einen großen Anteil der Effekte nehmen natürlich die selbstgedrehten Filme der Jungs ein. Alleine hierfür gebührt den Machern großer Respekt für dieses herrliche Panoptikum an Zitaten, Verbeugungen und Variationen. Für die drei Hauptdarsteller wurde genau die richtige Besetzung gefunden. Thomas Mann, Olivia Cooke und RJ Cyler wirken perfekt aufeinander eingespielt und auch die „Erwachsenen“ wie Connie Britton, Nick Offerman und Molly Shannon spielen ihre Rollen mit großem Spaß und sehr authentisch. Obwohl die Ideen sehr kunstvoll inszeniert werden, wirkt nichts in Gregs Welt künstlich. Das liegt auch an der phänomenalen Kameraarbeit von Chung-Hoon Chung und dem stimmungsvollen Soundtrack, für den Brian Eno verantwortlich zeichnet. Bis zum allerletzten Moment ist ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN berührend, unterhaltsam, schräg und liebevoll zugleich. Ein großartiger Film, über eine Freundschaft, die ein Leben ändern kann. Und eine bezaubernde Geschichte, die man nicht so schnell vergisst.

Filminfos

Gattung:Spielfilm; Tragikomödie; Coming-of-Age
Regie:Alfonso Gomez-Rejon
Darsteller:Thomas Mann; RJ Cyler; Olivia Cooke; Jon Bernthal; Nick Offerman; Connie Britton; Molly Shannon; Bobb'e J. Thompson; Matt Bennett
Drehbuch:Jesse Andrews
Kamera:Chung-hoon Chung
Schnitt:David Trachtenberg
Musik:Brian Eno; Nico Muhly
Länge:106 Minuten
Kinostart:19.11.2015
VÖ-Datum:24.03.2016
Verleih:Fox
Produktion: Indian Paintbrush
FSK:6
DVD EAN-Nummer:4010232067869
DVD Extras:Entfallene Szenen; Gregs Film für Rachel; Trailer zu Gregs Film; Galerie; Audiokommentar von Alfonso Gomez-Rejon;

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Greg ist 17, Außenseiter in seinem letzten Highschool-Jahr, dessen soziale Kontakte sich auf seinen Freund Earl reduzieren. Geselligkeit ist ihm ein lästiges Übel. Gemeinsam mit Earl flüchtet er sich in die Welten historischer Filmklassiker, die sie selbst nachspielen und mit skurrilen Titeln persiflieren. Doch Greg wird aus seinem Alltagstrott geworfen, als ihn seine Mutter dazu zwingt, Zeit mit der an Leukämie erkrankten Mitschülerin Rachel zu verbringen. Aus der anfänglichen gegenseitigen Abneigung entwickelt sich eine innige Freundschaft, die das Leben der beiden nachhaltig verändert.

ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN gelingt es, bei der im Zentrum stehenden Geschichte (die schon allzu oft in Filmen erzählt worden ist) ungewöhnliche Wege zu beschreiten und ein Gesamtkunstwerk zu kreieren, das aus Sicht der Jury völlig nachvollziehbar auch beim Sundance Film Festival mit zwei Hauptpreisen ausgezeichnet wurde. Das exzellente Drehbuch von Jesse Andrews nach seinem eigenen Roman wartet mit zahlreichen kreativen Einfällen und Figurenkonstellationen auf, die sich auf magische Weise zu einem großen Ganzen verflechten. Egal ob „Ill Phil“ schwadroniert, flauschige Kissen weibliche Namen erhalten und von Greg zu Masturbationszwecken umfunktioniert werden oder der tätowierte Geschichtslehrer seinen Schülern Respekt vor der Forschung einzuimpfen versucht – der Film umschifft Klippen der Peinlichkeiten und kreiert einen humoristisch-skurrilen Erzählstil, der sowohl der literarischen Vorlage (durch wunderbare Kapitelüberschriften wie „Tag 1 der todgeweihten Freundschaft“ und einen zeitweise philosophisch anmutenden Off-Kommentar) als auch den filmischen Möglichkeiten mehr als gerecht wird. Die persiflierten Filmklassiker werden vielfach nur angedeutet, doch schon die kurzen Ausschnitte von „A Sockwork Orange“ mit Sockenmännchen bis zu „Apocalypse Now“ aus Schnittblumen machen Lust darauf, Klassiker wie Satiren wiederzuentdecken. Werner Herzog spielt eine zentrale Rolle für die Filmemacher, mehrfach taucht er in Filmausschnitten auf – mit dem Höhepunkt von Gregs Imitation von Werner Herzog in einem Monolog über den Aufnahmeprozess ins College als ewiger Kampf, was erfreulicherweise auch in der deutschen Synchronisation sehr gut gelungen ist.
Die hervorragende Kameraarbeit mit Trickelementen, ungewöhnlichen Perspektiven und Weitwinkel-Überhöhungen in den Zimmern der Protagonisten erzeugen die dem Stoff angemessene visuelle Vielfalt zwischen Puppenhaus-Ästhetik und den langen, als feindliches Gebiet inszenierten Gängen der Caféteria. Zugleich werden metaphorisch Kriegserfahrungen der amerikanischen Gesellschaft eingeflochten, die zahlreichen Metaebenen des Filmes funktionieren dabei herrlich unaufdringlich. Jeder Kenner von Filmgeschichte und amerikanischer Politik wird sich jedoch an den überaus inspirierten Insider-Anspielungen herzlich erfreuen. Zugleich ist auch der Musikeinsatz gespickt von Zitaten, die wie ein ergänzender Kommentar ironisieren und Distanz bzw. Nähe schaffen.
ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN hat die Jury als mutiger Spagat zwischen Mainstream- und Arthousekino auf allen Ebenen überzeugt.