Gesicht zur Wand

VÖ-Datum: 27.07.09
2009
Filmplakat: Gesicht zur Wand

FBW-Pressetext

Bis ins Mark erschüttern die fünf Schicksale von inhaftierten DDR-Bürgern, die außergewöhnlich offen von ihrem Kampf mit dem Regime und den erschreckenden Bedingungen der Haft und den Verhörmethoden berichten. So werden in diesem sensiblen Dokumentarfilm, der ganz nah an seinen Zeitzeugen bleibt, offene Wunden und seelische Verletzungen ans Licht gebracht, die allen ein normales, Angst freies Leben unmöglich machen. Fünf einzigartige Facetten eines Alltages von Folter, Grausamkeiten und Verletzungen der Menschenwürde, in einem denkwürdigen filmischen Beitrag, der nicht richten, provozieren oder aufklären will, sondern im besten Sinne ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte dokumentiert und näher bringt!
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Stefan Weinert
Drehbuch:Stefan Weinert
Kamera:Lars Lenski
Schnitt:Ruben S. Bürgam
Musik:Roland Stähle; Eric J. Francois
Webseite:gesichtzurwand.de;
Weblinks:thecorefilms.com; equinoxproductions.lu http:;
Länge:85 Minuten
VÖ-Datum:27.07.2009
Verleih:Salzgeber & Co.
Produktion: the core films, Equinox Productions
FSK:0

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Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll erteilt.

„Aus der Geschichte der Völker kann man lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben“. Dieser Satz von Hegel steht als Motto über dem Dokumentarfilm von Stefan Weinert. In Gesicht zur Wand werden fünf Menschen zwischen 72 und 42 Jahren zu ihren Erfahrungen als Inhaftierte in Gefängnissen der DDR befragt. Alle fünf gerieten letztlich aufgrund von Lappalien in den Malstrom der Politik: Der Landwirt, der seinen Hof nicht in eine LPG einbringen wollte, der angehende Filmemacher, der nicht regimekonform dachte, die junge Frau, die ausreisen wollte, der junge Homosexuelle, der es nicht mehr in der DDR ertrug, weil er mit seinem kritischen Denken und mit seiner Lebenseinstellung an geistige und später auch an physische Grenzen stieß, die Lehrerin, die einen Fluchtversuch wagte und scheiterte. Was diese Menschen durchgemacht haben und in ihren Träumen und Erinnerungen noch immer an Traumata nicht bewältigt haben, zeigt Weinert sehr behutsam und subtil in dieser Chronik, die vor allem Spiegelbild eines menschenverachtenden Regimes ist.

Die körperlichen Blessuren, die die fünf Protagonisten damals davongetragen haben mögen, sind zwar abgeheilt, aber ihre Seelen sind zutiefst verletzt und wohl auf immer vernarbt. Das zeigt sich unter anderem an dem Beispiel der lebensfrohen Lehrerin, die zwar äußerlich jugendlich frisch wirkt, deren Augen aber beim Erzählen etwas anderes verdeutlichen, nämlich Schmerz und Trauer. Und auch der junge Mann, der zu seinem Liebhaber in den Westen wollte, spricht überzeugend von seelischen Narben, die nicht heilen werden.

Mit ruhiger Kamera und ohne jedes Haschen nach Effekten, ohne falsches Pathos und ohne Gefühlsduselei hält dieser bemerkenswerte Film die Lebenswege seiner fünf Opfer fest, enthüllt vorsichtig ihre Erfahrungen und lässt sie vor den Augen des Zuschauers lebendig werden – und das allein durch die Interviews und mit einigen sparsam eingestreuten Bildern von Gefängnismauern und vergitterten Fenstern, von Verhörräumen und einem Schreibtisch, auf dem ein einsames Telefon steht – selbst Zeuge von jahrelangen Verhören und seelischer Folter.

Der Film bleibt an seinen Zeitzeugen, fängt ihre Regungen auf, ist stets stringent und gradlinig und vermeidet jede überflüssige Ergänzung oder jegliches belehrendes Material. Diese klare Form der Erzählung, der sorgfältige Umgang mit den Menschen, die hier als Zeugen gegen ein menschenverachtendes System aussagen ohne dabei in Selbstmitleid zu verfallen, ist eine der vielen Qualitäten dieses auch in seiner klugen Montage bemerkenswerten Zeitdokuments über Überlebende, die für die vielen Tausende stehen, die auch „eingesessen“ haben und freigekauft wurden – ein moderner Sklavenhandel, wie das die Lehrerin richtig bemerkt, und ein weiteres dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, das Gesicht zur Wand eindrucksvoll thematisiert.