Freiheit

Kinostart: 08.02.18
2017
Filmplakat: Freiheit

FBW-Pressetext

Eines Abends hat sie beschlossen zu gehen. Ohne sich zu verabschieden. Weder von ihren beiden Kindern, die sie über alles liebt, noch von ihrem Mann, mit dem sie 14 Jahre zusammen ist. Sie hat nicht gewusst, wohin sie gehen soll. Hat nicht darüber nachgedacht, wie es ihrer Familie nach ihrem Verschwinden gehen mag. Sie hat nur gespürt, was ihr fehlt. Und so fängt sie neu an. Erst in Wien, dann in Bratislava. Lernt Menschen kennen, findet Freunde. Doch in Gedanken ist sie auch immer wieder bei ihrer Familie, die damit leben muss, dass die Mutter gegangen ist. Und ihre Freiheit gesucht hat. Schon der Einstieg in Jan Speckenbachs Film zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann. Eine Frau steigt in einen Bus, fährt bis zum Ende der Route, will nicht aussteigen, wird Zeugin eines Überfalls und geht wortlos fort. Auf der Soundebene eine Opernarie, laut, kraftvoll, danach die Titeleinblendung, schwarz auf weiß, leinwandfüllend: FREIHEIT. Es ist diese Größe der ausdrucksvollen Bilder, die den Zuschauer sogartig gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Die hervorragende Kamera von Tilo Hauke folgt Johanna Wokalek auf ihrem Weg in ein neues Leben, sie ist ihr stets auf der Spur und lässt sie doch immer auch ein wenig unnahbar wirken. Die Balance einer Darstellung zwischen mitfühlender Empathie und entfremdeter Distanz ist das Verdienst der großartigen Johanna Wokalek, die ihre Figur mit den sich wandelnden Identitäten und Namen bedingungslos intensiv verkörpert. Zusammen mit ihr erkundet der Zuschauer neugierig und fasziniert die fremden Welten und Kulturen und findet neue Freunde, die immer auch interessante und authentische Figuren abgeben. Speckenbach arbeitet intensiv und auf ganz eigene originelle Weise mit Licht und Farbe, mit Symbolen, Nahaufnahmen und Projektionen, um das Gefühlsleben seiner Protagonisten filmisch zu spiegeln. Doch neben der Geschichte des Aufbruchs erzählt Speckenbach auch einfühlsam von der Familie, die zurückbleibt. Hans-Jochen Wagner überzeugt mit seinem authentischen Spiel als überforderter und verletzter Ehemann und Vater, der nicht verstehen kann, dass seine Welt sich auf den Kopf gestellt hat und der doch in ihr funktionieren muss. Am Ende des Films kehrt die Geschichte zum Davor zurück und zeigt auf nachvollziehbare Weise und mit lebensnahen Dialogen, wie schnell ein Lebensentwurf, der unverrückbar erschien, kippen kann. Jan Speckenbachs zweiter Kinofilm FREIHEIT ist ein Film, der auf besondere und kraftvolle Weise von einer alltäglichen Geschichte erzählt. Wahrhaftige und beeindruckende Filmerzählkunst.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Jan Speckenbach
Darsteller:Hans-Jochen Wagner; Johanna Wokalek; Martina Spitzer; Georg Arms; Inga Birkenfeld; Rubina Labusch; Ricky Watson; Andrea Szabová; Ondrej Koval
Drehbuch:Andreas Deinert; Jan Speckenbach
Kamera:Tilo Hauke
Schnitt:Jan Speckenbach
Länge:102 Minuten
Kinostart:08.02.2018
Verleih:Film Kino Text
Produktion: One Two Films GmbH, BFILM; ZAK Film Productions UG; ZDF - Das kleine Fernsehspiel;
Förderer:FFA; MBB; KJDF

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Nora streift einsam durch die Straßen Wiens. In der glatten, abweisenden Oberfläche der Schaufenster spiegelt sich die Seele einer Suchenden, die die oberflächliche Perfektion ihres Lebens satt hat. In nur wenigen Minuten zieht die überragende Johanna Wokalek den Zuschauer in ihren Bann. Er folgt ihr gerne auf Noras Odyssee, auf der sie vor dem eigenen Ich und ihrer Vergangenheit flieht. Sie wird Zeugin eines Raubüberfalls und verschwindet spurlos. Später gabelt sie einen jüngeren Typen für einen One-Night-Stand auf. In der Konversation beweist der junge Autor und Regisseur Jan Speckenbach auch sein Gespür für lakonische, originelle Dialoge, die den Film prägen.
Nora wechselt Namen und Plätze, sie erlebt die Oberflächlichkeit von Reisebekanntschaften. In Bratislava bleibt sie länger. In der slowakischen Metropole nimmt sie einen schlecht bezahlten Job in einem Luxushotel an und freundet sich mit einer Familie an. Als sie mit in den Alltag des Vierpersonenhaushalts eintaucht, kehren die Erinnerungen an die eigenen Kinder und den Mann zurück, die sie Hals über Kopf in Berlin verlassen hatte. Sie spürt, dass sie auch bei einem Neuanfang in der Fremde Gefangene ihres bisherigen Lebens und ihres Charakters bleibt.
Die ersehnte Freiheit erweist sich für die Anwältin und Mutter als Illusion, die Erkenntnis führt der Regisseur zum einzig logischen Ende. Sentimentalitäten und Illusionen sind dem Film jedoch fremd, er setzt auf hohe Authentizität und die genaue Psychologisierung der Figuren. Aus ihnen entwickelt sich die dramaturgisch schlüssige Handlung.
Wenn die Freiheit des Individuums aber immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sein sollte, ist nur konsequent, der anderen Hälfte des einstigen Paares den gleichen filmischen Raum wie Nora einzuräumen. Hans-Jochen Wagner, raumfüllend in seiner Erscheinung, spielt die Verzweiflung von Noras Ex leise, er frisst den Frust in sich rein. Er funktioniert für den Job und ist mit den beiden Kindern überfordert, die unter der Ungewissheit leiden, warum die Mutter die Familie ohne Erklärung verließ. Dass sie nur kurz raus wollte und ihr Mann sie bat, Zigaretten mitzubringen, mag für Teile der Jury etwas zu viel der Erklärung sein, dass die herkömmliche Konstellation im Geschlechterverhältnis umgedreht wurde.
Die beiden Schicksale verbindet Speckenbach stringent zu einem Ganzen, niemals ergreift er Partei. Er ist sich seiner filmischen Mittel sehr sicher, untermalt mit der Musik treffend die Gefühle seiner Protagonisten und findet nicht zuletzt schnell einen stimmigen Rhythmus. Die Nebenrollen sind präzise besetzt, die Nebenhandlungsstränge zu Beruf und sozialen Beziehungen der Ex-Partner treiben die Handlung elegant und konstruktiv voran.
Vor allem setzt der junge Filmemacher auf zwei grandiose Hauptdarsteller. Seine Geschichte einer schmerzhaften Separation und einer tiefen Verunsicherung ist jedoch mehr als ein Familiendrama. Es verweist in der Subebene auf eine Grundfrage der Gesellschaft, das Spannungsfeld zwischen Individualität, Freiheit und dem Glücksversprechen auf der einen, dem Eingebundensein in Zwänge und Strukturen auf der anderen Seite, das jeden Tag im Kleinen wie im Großen neu austariert werden muss.