Dunkirk

Kinostart: 27.07.17
2017
Filmplakat: Dunkirk

FBW-Pressetext

Dünkirchen, französische Küste, 1940. Über 300.000 alliierte Soldaten harren am Strand aus. Sie sind eingekesselt, die Situation scheint aussichtslos. Churchill ordert die Rettung der Soldaten per Schiff an. Angefordert werden alle Boote, die sich von der englischen Küste aus in Bewegung setzen können, so klein sie auch sein mögen. Dazu sollen englische Spitfires die Bedrohung durch den Feind in der Luft abwehren. Doch die Bedrohung durch den Feind schwebt wie ein Damoklesschwert über jedem Beteiligten. Mit seinem neuen Film DUNKIRK stellt Regisseur Christopher Nolan erneut unter Beweis, dass er ein Meister des klug verschachtelten Erzählens ist. Nolan erzählt die Geschichte der mittlerweile auch zur Legende gewordenen Befreiung der Soldaten vom Strand Dünkirchens aus drei Perspektiven: Ein Tag im Wasser, eine Stunde in der Luft und eine Woche am Strand. Immer wieder verknüpft er die Erzählstränge, springt vor und zurück, beleuchtet einzelne Ereignisse erneut. Als Zuschauer kann man so über viele Szenen neu reflektieren und wird doch auch stets in atemloser und unmittelbarer Spannung vom Gesehenen in die Geschichte hineingezogen. Die einzelnen Charaktere sind dabei Fixpunkte. Über ihren Hintergrund erfährt man nur wenig, doch stehen sie für unzählige Schicksale, die sich in den Erlebnissen des Kriegsgeschehens wiederfinden. Da ist der erfahrene Offizier, der nur ein Ziel hat: Die ihm anvertrauten Soldaten in Sicherheit zu bringen. Der Kapitän eines kleinen Fischkutters, der seinen eigenen Sohn im Krieg verloren hat. Der Flieger, der das ultimative Opfer bringen muss, um viele Menschenleben zu retten. Der traumatisierte Offizier, der nicht weiß, wie er das Grauen des Gesehenen verarbeiten soll. Zudem die jungen Soldaten, die in den Krieg gezogen sind, um Helden zu sein. Und nun einfach nur überleben wollen. Die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig und liest sich wie ein Who is Who der großen Charakterdarsteller: Kenneth Branagh, Mark Rylance, Tom Hardy. Für die Darstellung der jungen Soldaten greift Nolan auf filmisch weniger bekannte, junge Gesichter zurück, die auch für die Namenslosigkeit und eine Unschuld stehen, die im Krieg verloren ging. Immer wieder lässt Nolan sie innehalten in der sturmumwobenen Kulisse der Zerstörung und des Chaos. Besonders stark kommt hier der überragende Score von Hans Zimmer zum Tragen, der die Szenen mit einem konstanten Ticken einer Uhr und durchdringenden Bässen in einen Mantel der konstanten Bedrohung hüllt. Zimmers Musik und die großen Bilder des Kameramanns Hoyte Van Hoytema erzeugen einen Sog, der den Betrachter von Anfang bis Ende nicht mehr loslässt. Christopher Nolans DUNKIRK ist großes überwältigendes Kino, das über seine ganz besondere filmische Form zum Reflektieren einlädt. Ein Meisterwerk.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm; Kriegsfilm
Regie:Christopher Nolan
Darsteller:Fionn Whitehead; Tom Glynn-Carney; Jack Lowden; Harry Styles; Aneurin Barnard; James D'Arcy; Barry Keoghan; Sir Kenneth Branagh; Cillian Murphy; Mark Rylance; Tom Hardy
Drehbuch:Christopher Nolan
Kamera:Hoyte Van Hoytema
Schnitt:Lee Smith
Musik:Hans Zimmer
Webseite:warnerbros.de;
Länge:107 Minuten
Kinostart:27.07.2017
Verleih:Warner
Produktion: Warner Bros. Productions, Syncopy; Dombey Street Productions; Kaap Holland Film; Canal+; Ciné+; StudioCanal; RatPac-Dune Entertainment;
FSK:12

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Das Chaos, als das Soldaten einen gegnerischen Angriff empfinden, dem sie ausgeliefert sind und dem sie nur mit purem Glück entgehen können, zeigt Christopher Nolan hier mit großen, großartigen und fast ohrenbetäubenden Sequenzen. Die von den Deutschen geschlagene Armee von britischen und alliierten Soldaten ist an den Strand von Dünkirchen zurückgedrängt worden, wo sie so gut wie wehrlos Angriffen von Land, vom Wasser und aus der Luft ausgesetzt sind. Am Strand drängen sich die Soldaten in langen Schlangen und auf einer Mole, wo sie hoffen, von einem der britischen Schiffe zurück nach England evakuiert zu werden. An der britischen Küste macht sich einer von vielen Fischern auf seinem Kutter auf den Weg über den Kanal, um dabei zu helfen, die Soldaten heimzubringen. Und drei britische Jagdflugzeuge fliegen in Richtung Dünkirchen, um dort die deutschen Flieger davon abzuhalten, die Soldaten zu bombardieren und zu erschießen. Auf diesen drei Ebenen erzählt Nolan mit extrem unterschiedlichen Filmzeiten. Bei den Soldaten am Strand vergeht eine Woche, beim Rettungseinsatz des Kutters ein Tag, beim Flugeinsatz zwischen Start und Landung eine Stunde. Die Episoden sind geschickt montiert und fügen sich so zu einer stimmigen Dramaturgie zusammen. Die Helden bleiben namenlos, erleben also eher kollektive als individuelle Schicksale. Ein junger Soldat hat als einziger seiner Einheit überlebt und versucht alles, um auf einem Schiff oder Boot den Strand zu verlassen. Ein alter Bootskapitän macht sich mit seinem Sohn und einem siebzehnjährige Gehilfen auf die gefährliche Fahrt nach Frankreich. Ein Pilot wird in mehrere Luftkämpfe verwickelt und muss dabei erleben, wie seine beiden Kameraden abstürzen. Die Gewalt der Angriffe wird von Nolan wie eine Naturkraft inszeniert, deren Willkür die Menschen ausgeliefert sind. Wer stirbt oder überlebt ist hier völlig dem Zufall überlassen, ob mutig oder feige, geschickt oder unfähig: jeder kann getroffen werden. Umso eindrucksvoller sind die Akte von Heroismus, die aber von Nolan nicht überhöht stilisiert werden.
Er zeigt, wie ein Soldat mit Granatenschock in Panik gerät, wie aus einer Gruppe heraus einzelne dazu gezwungen werden, sich als „Freiwillige“ zu opfern und wie die Soldaten sich schließlich dafür schämen, dass sie als Geschlagene zurück nach England geflohen sind. DUNKIRK erzählt erstaunlich komplex, obwohl er seine Protagonisten wie den Zuschauer förmlich in das Inferno des Kriegs hineinstößt. Wie sie keine Namen haben, haben sie auch keine Geschichte, die erzählt wird. Doch sie durchleben diese Tage, Stunden und Minuten so intensiv und kreatürlich, dass der Zuschauer sich auf eine kaum erträgliche Weise in sie einfühlen kann, oder besser muss. Regie, Drehbuch, Kamera, die Leistungen des Schauspielerensembles (in das sich Stars wie Kenneth Branagh und Cillian Murphy nahtlos einfügen) und die unheilvoll pulsierende Musik von Hans Zimmer fügen sich hier zu einem großartigen filmischen Schlachtengemälde zusammen.