Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe

Filmplakat: Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe

FBW-Pressetext

Zeit. Wir alle haben viel zu wenig davon und irgendwie scheint sie zu schnell zu vergehen. Zeit ist abstrakt, Zeit ist nicht greifbar. Und sie kann Angst machen. Der Fachbegriff dafür lautet Chronophobie. Der Filmemacher Philipp Hartmann leidet darunter und hat ihr nun einen eigenen Film gewidmet. In seinem essayistischen Werk DIE ZEIT VERGEHT WIE EIN BRÜLLENDER LÖWE betrachtet er Aspekte der Zeit in all ihren Facetten. Ein Besuch bei der Atomuhr in Braunschweig gibt ebenso interessante Einblicke wie der Bau einer Zeitmaschine. Philipp Hartmann erzählt in seinem Film Geschichten und findet dafür visuell anregende und interessante Bilder, die zum Nachdenken anregen. Die Erzählungen, auch von anderen Menschen, und die ruhigen Bilder machen Zeit spürbar, dabei vermittelt Hartmann sein Wissen und seine Perspektive als Fragender nie auf eine schlaumeierische Art. Im Gegenteil: Sein Humor und die Abstrusität mancher Situation helfen dabei, die Komplexität der Fragestellung zu brechen und den Zuschauer zu ermutigen, die im Film ausgelegten Spuren selbst aktiv weiter zu verfolgen. Und immer spielt sie irgendwie mit, die Zeit und ihre Vergänglichkeit. Am Schluss des Films wird die Zeit dann noch einmal direkt erfahrbar. Ohne Eile...
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Gattung:Essayfilm
Regie:Philipp Hartmann
Darsteller:Philipp Hartmann; Nina Petri; Olaf Weißenberg; Marc Zwinz; Jakob Benkhofer; Fanny Heink
Drehbuch:Philipp Hartmann
Kamera:Helena Wittmann
Schnitt:Philipp Hartmann
Länge:79 Minuten
Kontakt:philipp@flumenfilm.de
Produktion: flumenfilm Philipp Hartmann
Förderer:KJDF; FFHSH

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ein Film, der in Minuten genauso lang ist wie die mittlere Haltbarkeitsdauer eines Menschen in Jahren. Statistisch gesehen. Diese statistische Lebenszeit nutzt der Filmemacher Philipp Hartmann, um seine eigene Biografie in einen Zusammenhang zu seinem und unserem Umgang mit dem subjektiven Zeitgefühl und der naturwissenschaftlichen und philosophischen Definitionen von Zeit zu stellen. Es ist der Ausgangspunkt zu einer ausführlichen Geschichte über die verrinnende, nicht aufhaltbare Zeit und unser Verhältnis zu ihr aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Entstanden ist keine oberlehrerhafte Dokumentation mit Kommentar, sondern eine spannende, aus vielen Dimensionen zusammengesetzte, essayistische Filmcollage. Viele persönliche Elemente des Autors aus seinem Leben von der Geburt bis zur aktuellen Lebensmitte sind für ihn Anlass für die Fragestellung, wie die vergehende Zeit vom Anfang bis zum Lebensende erfahren wurde, wird und werden wird. Wissenschaftliche Beweise zur Definition werden auf Bruch- und Schwachstellen hinterfragt, wie z.B. die Nachjustierung der fehlenden Sekunde der Atomuhr in Braunschweig. Gedanken und Gespräche zur inneren Uhr, die anders tickt als die mechanische. Wann wirkt die Zeit wie gedehnt oder wann rast sie uns davon? Kleine witzige Inszenierungen, Nonsensgespräche mit Freunden zum Thema, die Wahrnehmung der Zeit am Beispiel der Zeichnungen der Uhr von demenzkranken Menschen, wissenschaftliche Darstellungen zum Thema Zeit und die Entwicklung einer Zeitmaschine lassen in ihrem Abwechslungsreichtum keine Langeweile aufkommen. Im Gegenteil: Durch die unterschiedlichen Ansätze und Erklärungen, Demonstrationen und persönliche Bezüge entstehen beim Zuschauen neue Gedanken und Ideen, in das Thema einzusteigen.

Der Film geht aber auch humorvoll mit seinem Thema um, umkreist es mit interessanten Reflexionen, bringt Gefühle ein und fasziniert mit vielen Bild-Ideen. Hervorzuheben ist, dass der Autor in seiner Funktion als Selbstdarsteller zeigt, dass er selbst ein Suchender ist, selbstironisch und ausprobierend. Und zwar gerade deshalb, weil er nicht die Position eines allwissenden Erzählers und Akteurs mit deren typischen Eitelkeiten einnimmt.

Ein Kritikpunkt bleibt: Den Film kann man mit der durchschnittlichen Lebenszeit pro Minute Film ein wenig zu lang definieren. Aber dies ist ja eben das Subjektive am Zeitempfinden. Und das ist auch gut so.

Am beeindruckendsten ist vielleicht die lange Schlusseinstellung einer Gondelfahrt bergauf. Die Kamera verfolgt den dahingleitenden Schatten einer Gondel, die nur mit einer Person besetzt ist. Es ist quasi die letzte Fahrt auf einen Berg mit dem Blick in die Weite, wenn die Lebenszeit sich erfüllt hat.