Die Spur

Filmplakat: Die Spur

FBW-Pressetext

Janina Duszejko lebt mit ihren Hunden zufrieden in einem kleinen Haus im Wald am Rande der Stadt. Seitdem sie als Lehrerin pensioniert wurde, meidet sie die Menschen. Die Gemeinschaft mit den Tieren und der Natur, die sie über alles liebt, ist ihr mehr als genug. Doch eines Tages sind die Hunde wie vom Erdboden verschluckt und Janina Duszejko beschleicht ein schlimmer Verdacht – immerhin sind in den polnischen Wäldern Wilderer unterwegs, die sich nicht an die vorgegebenen Jagdzeiten halten, was Janina ein Dorn im Auge ist. Völlig aufgebracht beschließt sie, den Kampf gegen die Wilderer aufzunehmen. Ein wahrhaftiger Kampf gegen Windmühlen, der noch dazu von mehreren mysteriösen Todesfällen unter stadtbekannten Jägern erschwert wird. Und die Leute in der Stadt beginnen sich zu fragen: Wer kann bloß ein Interesse daran haben, die Jäger aus dem Wald zu vertreiben? Außer den Tieren natürlich. Aber könnten Tiere Rache an Menschen ausüben? DIE SPUR von Agnieszka Holland ist eine faszinierende Mischung verschiedener Genres. Dabei funktioniert der Film sowohl als sensibel und doch intensiv erzähltes Drama mit Agnieszka Mandat in der Hauptrolle als auch als spannender Kriminalfilm, an dessen Ende eine radikale und überraschende Schlusspointe steht. Beeindruckend wechselt Mandat von einem stillen, fast schon melancholischen Spiel hin zu einer bedrohlich wirkenden Raserei, die den Zuschauer in ihrer Unmittelbarkeit nicht kalt lässt. Holland gelingt es, durch immer wieder neue kleine Twists den Zuschauer wortwörtlich auf die „Spur“ eines Geheimnisses zu locken und regelmäßig falsche Fährten zu legen. So entstehen über 128 Minuten keine Längen, was auch der großartigen Kameraarbeit von Jolanta Dylewska und Rafal Paradowski zu verdanken ist. Sie fangen wunderbar stimmungsvolle Bilder ein, die die polnische Landschaft im Verlauf eines Jahres- und Jagdzyklus zeigen. Eine triste Winterstimmung wird abgelöst von einer sonnendurchfluteten und sommerfrischen Landschaft, in der sich die starke und unabhängige Heldin Janina Duszejko organisch einfügt. Immer wieder sind auch Tieraufnahmen zu sehen. Diese kommentieren mal ironisch augenzwinkernd das Geschehen, wirken aber auch stets als mahnende Botschaft, die Natur zu respektieren und zu schützen. Denn am Ende – und das macht DIE SPUR deutlich – ist man immer auch nur ein kleiner Teil von ihr. DIE SPUR ist ein spannendes und immer wieder überraschendes filmisches Märchen mit einer starken Geschichte und einer noch stärkeren Heldin. Ein würdiger Gewinner des Silbernen Bären der Berlinale 2017.

Filminfos

Gattung:Drama; Thriller; Spielfilm
Regie:Agnieszka Holland
Darsteller:Agnieszka Mandat; Wiktor Zborowski; Jakub Gierszał; Miroslav Krobot; Patricia Volny
Drehbuch:Agnieszka Holland; Olga Tokarczuk
Buchvorlage:Olga Tokarczuk
Kamera:Jolanta Dylewska; Rafal Paradowski
Schnitt:Pavel Hrdlicka
Musik:Antoni Lazarkiewicz
Länge:128 Minuten
Kinostart:04.01.2018
Verleih:Film Kino Text
Produktion: Studio Filmowe Tor, Heimatfilm; Nutprodukce; Chimney group; Nutprodukcia;
Förderer:MBB; Eurimages

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Agnieszka Holland erzählt hier eine sehr spannende Geschichte. Und dies nicht nur, weil sie ein Whodunit mit Ermordeten und der Suche nach dem Täter geschaffen hat, sondern auch, weil die Regisseurin zusammen mit der Autorin der Romanvorlage, die ebenfalls am Drehbuch beteiligt war, geschickt verschiedenen Genres vermischt. So hat der Film eindeutig märchenhafte Züge mit Grimm’schen Anspielungen, ist ein Ökothriller über illegales Jagen und Tierquälereien in einem kleinen Dorf an der polnisch-tschechischen Grenze und schließlich eine Detektivgeschichte mit einer exzentrischen Ermittlerin a la Miss Marple. Und weil diese Erzählformen mit ihren unterschiedlichen Konventionen hier nahtlos ineinander verwoben sind, wird der Zuschauer bei jeder Szene neu überrascht. Es gelingt Holland auch, diesen Mikrokosmos eines abgelegenen Bergdorfes sehr glaubwürdig und intensiv lebendig werden zu lassen. Und als eine Fährte zeigt sie immer kurze Aufnahmen von den Blicken der gejagten und gequälten Tiere, die bewusst die Jäger zu beobachten scheinen, sodass es durchaus möglich sein könnte, dass sie endlich Rache an den Menschen nehmen. Die Heldin Duszejko ist eine Intellektuelle, die sich nach ihrer Pensionierung in das Dorf zurückgezogen hat und dagegen protestiert, wie dort mit den Tieren umgegangen wird. Als Astrologin und Vegetarierin wird sie von niemandem ernst genommen, doch der Film zeichnet sie als eine kluge, leidenschaftliche Heldin, deren esoterische Sicht auf die Welt aber auch irritiert. So weiß der Zuschauer bis zum letzten Akt nicht, was er von dieser Protagonistin halten soll und auch das erhöht die Spannung des Films. In ihm werden wichtige Fragen darüber behandelt, wie die Menschen mit den Tieren umgehen, ob sie sie sich, wie es in der Bibel steht, zu Untertan machen sollen, oder ob das massenhafte Schlachten ein Frevel gegen die Natur ist. Holland lässt sich auch hier nicht in die Karten sehen, wenn Duszejko zum einen vernünftig und stichhaltig argumentiert, aber dann in eine irrationale Naturfrömmigkeit kippt. Neben der Hauptdarstellerin Agnieszka Mandat agieren auch alle anderen Schauspieler inspiriert und glaubwürdig. Die Kameraarbeit ist außergewöhnlich gut und fängt die Atmosphäre des Ortes und der Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten gut ein. Agnieszka Holland hat hier einen im besten Sinne des Wortes merkwürdigen Film inszeniert.