Filmplakat: Christ/el

FBW-Pressetext

Als Teenager haben Filmemacher Andreas Grützner und ein paar seiner Freunde Mitte der 1970er Jahre viel Privates mit der Super8-Kamera im Bild festgehalten. Das Dorfleben im Zonenrandgebiet, Familienfeiern, Abendessen, Fußballspielen im Garten, die Schwester an der Schaukel mit dem Nachbarskind, der Filmemacher selbst bei der Konfirmation und bei Schabernack mit den Freunden. Diese Aufnahmen bilden die Grundlage des neuen Films von Andreas Grützner, CHRIST/EL. Und während die Bilder den Zuschauer langsam mit der Zeit und dem Milieu vertraut machen, erzählt Grützner selbst von den Personen, die auf der Leinwand zu sehen sind. Da ist der Vater, der zunächst in einer religiösen Vereinigung war, um dann auf dem Lande Pastor zu werden. Da ist die Schwester, die sich immer bemüht hat, den strengen Erwartungen der Eltern zu genügen. Da ist er selbst, der sich schon bald gegen die Kirche und für ein eigenständiges Leben in der Großstadt entschloss. Und da ist die Mutter Christel, die immer konsequent und ehrerbietig an ihre religiösen Prinzipien glaubte – bis das Leben fast zu Ende war und sie sich in den letzten Monaten komplett gegen den Glauben wandte. Grützner nutzt die acht Minuten seines Films nicht nur dazu, die Geschichte seiner Familie zu erzählen. Er erzählt darüber hinaus auch etwas über die Geschichte Deutschlands in eben jener Zeit. Darüber hinaus stellt er wichtige Fragen in den Raum, auf die er keine konkreten Antworten will und mit denen sich jeder Zuschauer selbst beschäftigen soll. Ein Mehrwert, den nicht einmal jede lange Dokumentation erreicht, und der CHRIST/EL zu etwas ganz Besonderem macht.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Andreas Grützner
Drehbuch:Andreas Grützner
Kamera:Andreas Grützner
Schnitt:Andreas Grützner
Musik:Andreas Grützner
Länge:8 Minuten
Kontakt:info@gruetzner-film.de
Produktion: Andreas Grützner

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Wie eine filmische Familienaufstellung im Super 8-Format wirkt Andreas Grützners Montage alter Filmrollen aus seiner Jugend irgendwo auf dem Land in Norddeutschland. Mit Hilfe des lakonisch vorgetragenen Kommentars, der nur anfangs etwas irritiert, entfaltet sich mit der Zeit die ganze Tragik eines Lebens, das im Wesentlichen immer von Religiosität und Glaubensfragen bestimmt war - ein Lebensentwurf der beiden Eltern, den der Filmemacher auf behutsame Weise zerlegt und analysiert, ohne dabei zu (ver)urteilen. Erst nach und nach enthüllt der Film, wie sehr sich die Ideale und Prinzipien der Eltern des Filmemachers sich am Ende gegen sie selbst wenden

Nach Ansicht der Jury gelingt es Grützner nicht nur, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, seine Montage, und die Bilder, die er ausgesucht hat, eignen sich zudem für eine erhellende Zeitdiagnostik, die den Geist der 1960er und 1970er Jahre auf dem Land spürbar macht und bei manchem Zuschauer Erinnerungen an eigene Erlebnisse und Parallelen hervorrufen wird. Insofern gelingt hier der Spagat zwischen Biographischem und Allgemeingültigem ausgezeichnet, ein Balanceakt, an dem viele andere Filmemacher sonst scheitern. Nicht aber Andreas Grützner, dem mit CHRIST/EL ein sehr gelungenes Beispiel geglückt ist, das zeigt, auf welche Art und Weise mit belasteten Familiengeschichten umgegangen werden kann