Carlos - Der Schakal

Kinostart: 04.11.10
2010
Filmplakat: Carlos - Der Schakal

FBW-Pressetext

Terrorist, Mörder, Söldner, Phantom – das bewegte Leben des Ilich Ramirez Sanchez genannt Carlos. Regisseur Olivier Assayas transformierte sein Leben nun in bewegte Bilder. Dabei präsentiert sich der Film ebenso konsequent wie die Handlungen seines Protagonisten. So nutzt Assayas das historische Zeitpanorama mehrfach, um einen kritischen Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage zu subtextualisieren. Trotz der etwa dreistündigen Laufzeit halten die inhaltsreiche Story und eine nuancierte Rhythmisierung Spannung und Dynamik permanent aufrecht und sind gleichermaßen die Spielfläche beispielhaft konturierter Figuren – allen voran der charismatische Édgar Ramírez als Carlos. Der wahrscheinlich beste Film über Terrorismus der letzten Jahre.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Olivier Assayas
Darsteller:Julia Hummer; Christoph Bach; Alexander Scheer; Jule Böwe; Nora von Waldstätten; Katharina Schüttler; Édgar Ramírez; Aljoscha Stadelmann; u.a.
Drehbuch:Dan Franck; Olivier Assayas
Kamera:Denis Lenoir; Yorick Le Saux
Schnitt:Luc Barnier; Marion Monnier
Webseite:carlos-derfilm.de;
Länge:186 Minuten
Kinostart:04.11.2010
Verleih:NFP
Produktion: Film en Stock [FR], Egoli Tossel Film Halle;
FSK:16
Förderer:DFFF; MDM

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Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ein enormes Pensum wird mit diesem Polit-Thriller bewältigt. Sehr umfangreiche Recherchen sind erforderlich, um die Hintergründe des Terrorismus transparent zu machen. Es bedarf einer großen Geschicklichkeit, um das sehr komplexe Geschehen darzustellen und zugleich den Zeitgeist der 70er, 80er Jahre einzufangen sowie Licht ins Dunkel der variablen Freund-Feind-Konstellationen im Kalten Krieg zu bringen. Kulturelle Milieus in verschiedenen Ländern werden veranschaulicht. Diverse Typen von Akteuren werden prägnant vorgestellt und mit ihren jeweiligen Motiven kenntlich gemacht. Ein enorm breites Panorama der Zeitgeschichte wird gespannt.

Das Erzähltempo ist rasant und die Spannung bleibt permanent erhalten. Dazu kommt eine präzise, sachliche Erzählweise, die kurz und bündig die Ereignisse auf den Punkt bringt. Teilweise sind es die Dialoge, teilweise die Bilder (Waffenerotik), teilweise stumme Details, welche „Bände sprechen“ und viel mitteilen bzw. die Reflexion beim Zuschauer stimulieren. Virtuos wird eine Fülle von Aspekten ins Spiel gebracht. Sehr aufschlussreich sind auch die Entwicklungen, die die verschiedenen Figuren nehmen. Die Karrieren der Terroristen verlaufen mit Brüchen. Einige sterben früh als Märtyrer, wenige steigen aus, viele unterwerfen sich der "revolutionären Disziplin". Aus idealistischen Enthusiasten werden Mörder. Eindrucksvoll wird verdeutlicht, dass diejenigen, die für eine bessere, gerechtere Welt kämpfen, selbst nicht frei von Menschenfeindlichkeit und Ungerechtigkeit sind. Der Aufstieg und Fall des Medienstars Carlos steht vornehmlich im Blickpunkt. Einerseits wird sein Charisma gezeigt (und auch als imposante Leinwandpräsenz des Darstellers erlebbar), andererseits wird sein Mythos entzaubert. Ihm ist nicht die Gnade des frühen Ablebens vergönnt.

Die Figur des Carlos ist schillernd. Skrupellose, intelligente, zynische, liebenswürdige, großzügige, kleingeistige und zahlreiche andere Facetten werden beleuchtet. Gute und böse Charaktermerkmale verschwimmen. Schönheit und Eleganz treten in Erscheinung, aber auch Verfettung und Müdigkeit. Die individuelle Situation von Ilich Ramirez Sánchez alias Carlos wird durch beiläufig integrierte Analysen der politischen Lage erhellt. Deutlich wird das Spannungsverhältnis von revolutionärer Romantik und machtpolitischem Kalkül. Dabei vermeidet der Film belehrende Rhetorik, ideologische Vorverurteilung und auch unnötige pyrotechnische Spektakel.

Mehrere Wendepunkte offenbaren, dass Carlos seinen Charakter wandelt, dass er schwankt, dass er von externen Mächten abhängig ist. Insbesondere die Verhandlungen auf dem Flugplatz in Algerien und die Entscheidungen zur Freilassung der Geiseln stellen einen gewissen Kulminationspunkt dar. Deutlich wird, wie die unterschiedlichen Figuren mit psychischen Belastungen, Anforderungen an Intelligenz bzw. Logistik und mit Überforderungen in Extremsituationen ringen. Gezeigt wird aber auch die Zivilcourage, die selbst im Ausnahmezustand möglich bleibt (z.B. das Verhalten der Dolmetscherin, die einen verletzten Soldaten in Sicherheit bringt).

Es ist nicht möglich auf den komplexen Stoff ausführlich einzugehen. Der Regisseur Olivier Assayas beherrscht die Kunst der Verdichtung. Viel wird auch durch die Schauspieler (nonverbal) zum Ausdruck gebracht. Die darstellerischen Leistungen sind ausdrücklich zu würdigen. Édgar Ramírez brilliert in der Titelrolle. Als "Nada" kann Julia Hummer überzeugen; Alexander Scheer verleiht dem "Weinrich" einen interessanten Charakter. Musikalisch wird der Handlungsverlauf gut unterstützt. Es gibt einen geschickten Umgang mit historischem Dokumentarmaterial und mit nachgestellten Szenen. Die Locations sind gut gewählt, die Ausstattung wirkt authentisch. Viel Arbeit und viel Talent stecken in diesem Film. Historische Tiefenschärfe wird mit fiktionaler Dramatik kombiniert. Die vielen Pluspunkte summierten sich zu einer eindeutigen und einstimmigen Entscheidung für das Prädikat besonders wertvoll.