Carlo, Keep Swingin

VÖ-Datum: 09.12.16
2015
Filmplakat: Carlo, Keep Swingin

FBW-Pressetext

Carlo Bohländer war ein begnadeter Jazz-Trompeter und Theoretiker und einer der wichtigsten Protagonisten der Jazzszene im Deutschland der 1950er und 1960er Jahre. Trotzdem ist der Name „Carlo Bohländer“ nur wenigen ein Begriff. Legenden wie Emil und Albert Mangelsdorff stehen eher im Vordergrund und sind bekannt. Die Filmemacherin Elizabeth Ok hat mit CARLO KEEP SWINGIN‘ nun dem Genie und Wegbereiter Bohländer ein filmisches Denkmal gesetzt. Sie setzt Anfang der 1950er Jahre ein, als Bohländer den berühmten „Jazzkeller“ in Frankfurt gründete und diese bis dahin hier eher verpönte Musik zum ersten Mal nach Deutschland holte. Im Jazzkeller gingen nicht nur wichtige und einflussreiche Künstler ein und aus, sondern Bohländer begegnete dort auch der Liebe seines Lebens, der New Yorker Sängerin Anita Honis. Anita ist die Haupterzählerin im Film, die von der Zeit mit Carlo berichtet. Doch Ok befragt auch Freunde, Kollegen und Wegbegleiter wie Paul Kuhn oder Fritz Rau und lässt in Archivaufnahmen Bohländer selbst zu Wort kommen. Immer wieder unterlegt sie ihre Bilder, die sie im Split-Screen-Verfahren präsentiert, mit Musik. Überhaupt bestimmt Musik den Ton, kreiert die Atmosphäre, setzt Akzente. Dass Carlo Bohländer nicht nur ein Genie war, sondern auch eine schwierige und ambivalente Persönlichkeit besaß, kommt ebenfalls deutlich zum Ausdruck. Doch vor allen Dingen liebte er die Musik. Und diese Liebe zum Jazz transportiert der Film mit jeder Note, jeder Synkope, jedem Ton. CARLO KEEP SWINGIN ist eine Verbeugung vor einem der ganz Großen des Jazz. Und es ist ein erhellender, interessanter und faszinierender Einblick in eine Zeit, als Frankfurt zur Hauptstadt des Jazz in Deutschland wurde. Und die Kraft der Musik feierte.
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Elizabeth Ok
Drehbuch:Elizabeth Ok
Kamera:Stefan Wachner; Stefan Neudeck; Josef Åkebrand; Lars Ziegenhain
Schnitt:Susann Maria Hempel
Webseite:okfilm.de;
Länge:84 Minuten
VÖ-Datum:09.12.2016
Produktion: OK & Stock Filmproduktion UG
FSK:0
Förderer:Hessische Filmförderung

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die Stadt Frankfurt am Main bringt man heutzutage in erster Linie mit Banken und mit Wolkenkratzern in Verbindung. Dass aber hier bereits in den 1950er Jahren in einem Kellergewölbe eine Jazz-Szene und somit eine lebendige Subkultur entstand, die sich vor den großen US-amerikanischen Vorbildern nicht verstecken brauchte, zeigt CARLO KEEP SWINGIN‘.

Der Film porträtiert den weitestgehend in Vergessenheit geratenen deutschen Jazz-Trompeter Carlo Bohländer. In den ersten 30 Minuten scheint der Film nach Ansicht der Jury noch auf der Suche nach seinem Gegenstand zu sein und ist mehr zeitgeschichtliche Dokumentation als Porträt. So geht es vor allem um das legendäre „Domicile du Jazz“ (später „Jazzkeller“), das Bohländer 1951 gründete. Doch dann findet der Film seinen Gegenstand und es entsteht ein eindrucksvolles und perfekt recherchiertes Porträt eines hochinteressanten Mannes. Zahlreiche Weggefährten Bohländers kommen zu Wort, wesentlich bekannter gewordene Musiker wie Emil Mangelsdorff sowie in Archivaufnahmen dessen Bruder Albert Mangelsdorff oder auch Paul Kuhn. Und was sie zu sagen haben, ist überaus hörenswert. Besonders Bohländers afroamerikanische Ehefrau Anita Honis erscheint als beeindruckende Persönlichkeit, die kein Blatt vor den Mund nimmt und auch die Ambivalenzen von Carlo Bohländer zum Ausdruck bringt.

Bei allen Interviews und Archivbildern, die der Film in breiter Vielfalt bereithält, kommt die Jazzmusik alles andere als zu kurz. Es finden sich viele Ausschnitte aus Jazz-Konzerten und die Bilder sind oft mit gut ausgewählter Musik unterlegt. Es gelingt dem Film zudem, etwas von der Form des Jazz, seinem Rhythmus und dem Element der Improvisation, die ja auch Vielfalt bedeutet, in die Filmgestaltung hineinzunehmen. Dazu findet sich eine Vielfalt filmischer Mittel, vom Splitscreen bis zur Animation. Zumal Splitscreens so sinnvoll und spielerisch eingesetzt werden, wie man es selten im Dokumentarfilm gesehen hat. So entsteht ein interessantes Porträt eines zu Unrecht vergessenen Musikers und einer Zeit, die den amerikanischen Jazz zur Entnazifizierung dringend benötigte.