Axolotl Overkill

Kinostart: 29.06.17
2017
Filmplakat: Axolotl Overkill

FBW-Pressetext

Schon der Roman „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann, der im Jahr 2010 die Bestsellerlisten stürmte, provozierte und polarisierte das Publikum. Die Verfilmung unter dem Titel AXOLOTL OVERKILL führt die einzigartige und radikale Stimmung dieses Buchs nahtlos auf der großen Leinwand fort und erzählt die Geschichte einer jungen Frau auf der Schwelle zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsensein aus genau dieser Lebensperspektive heraus. Denn „normal“ kann ja jeder. In die Schule gehen, Freunde haben, mit der Familie klarkommen. Mifti hat keinen Bock auf „normal“. Sie ist 16, findet Schule als Ort des Lernens überbewertet, gibt auf Freunde nicht so viel und lebt mit ihren Halbgeschwistern in einer WG in Berlin, mehr oder minder friedlich. Ihren Vater, der mit seiner dauerumnebelten Lebensgefährtin ganz anti-bourgeois in einem halben Abrisshaus wohnt, besucht sie nur selten, ihre Mutter ist tot. Für Mifti ist die Welt irgendwie egal geworden. Ihre Gedanken schweifen immer wieder zurück zu Alice, der faszinierenden und wesentlich älteren Kunst-Dealerin, mit der sie sich vor Monaten in eine leidenschaftliche Affäre stürzte. Doch auch Alice hat Mifti mit sich selbst allein gelassen. Dann lernt sie die nervlich labile Schauspielerin Ophelia kennen und durchstreift mit ihr das Berliner Nachtleben – Partys, Sex und Drogen inklusive. Wie schon in der Vorlage geht Hegemann auch in ihrem Langfilmdebüt ganz konsequent vor und überlässt der Figur der Mifti die Bühne des Geschehens. Die eigentlichen Erwachsenen um Mifti herum sind allesamt nutzlos als Leitfiguren für Mifti, sie sind schwach, unzuverlässig und lassen Mifti in ihrer Suche nach ihrem Platz im Leben allein. Das Ensemble spielt stark, ob nun Laura Tonke und Julius Feldmeier als Halbgeschwister, Mavie Hörbiger als Ophelia oder Bernard Schütz als überkandidelter Intellektuellenvater. Sie alle kreisen jedoch um Mitfti. Mit großer trotziger Kraft, die förmlich von der Leinwand auf den Zuschauer springt und hinter der eine ebenso große Verletzlichkeit schlummert, verkörpert Jasna Fritzi Bauer dieses Mädchen, das schon lange nicht mehr Kind ist, aber noch mehr eine Erwachsene spielt als eine zu sein. Die Sprache, mit der Hegemann Mifti sprechen lässt, ist deftig, unbequem, aber durchweg klug. Auch die Kamera von Manuel Dacosse umkreist Mifti immer wieder, fast schwerelos verfolgt sie sie. So wirken viele der Sequenzen, die nicht immer einer klaren und eindeutigen Erzähldramaturgie folgen, traumhaft und fast schon surreal, man kann sich als Zuschauer nie sicher sein, wo man sich genau in der Handlung befindet. Dazu trägt auch der stimmige Soundtrack bei, bei dem sich moderner Indie-Pop und klassische Stücke mischen. AXOLOTL OVERKILL ist in seiner unverhohlenen Frechheit, seiner Radikalität und seinem Mut zur unkonventionellen Erzählweise ein herausragendes Beispiel für den neuen jungen deutschen Film. Alles außer gewöhnlich.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Helene Hegemann
Darsteller:Jasna Fritzi Bauer; Arly Jover; Mavie Hörbiger; Laura Tonke; Julius Feldmeier; Hans Löw; Christopher Roth; Bernhard Schütz
Drehbuch:Helene Hegemann
Buchvorlage:Helene Hegemann
Kamera:Manuel Dacosse
Schnitt:Bettina Böhler
Webseite:axolotl-film.de;
Länge:94 Minuten
Kinostart:29.06.2017
Verleih:Constantin Film Verleih GmbH
Produktion: Vandertastic Filmproduktion
FSK:12
Förderer:FFA; BKM; MBB; DFFF; KJDF

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Helene Hegemanns Adaption ihres Romans »Axolotl Roadkill« ist in erster Linie deshalb ein solch herausragender Film, weil er absolut kompromisslose Wege findet, um seine Figur mit allen zur Verfügung stehenden filmischen Mitteln zu erzählen. Der Film scheint sich auf erfrischende Art und Weise nicht um Erwartungen und Konventionen zu kümmern, sondern bleibt in Form und Gestaltung radikal in der Filmemacherperspektive. Diese Form des konsequenten Independent-Films ist zur Zeit in Deutschland ein rares Gut: einer, der sich von Konventionen freimacht, ohne gleich mit ihnen brechen zu müssen, der sich jede moralische Freiheit nimmt, ohne gleich verletzen zu müssen, und der bei all dem immer genau weiß, was er erzählen möchte.
Wenn man so will, ist AXOLOTL OVERKILL ein Coming-of-Age-Film in dem Sinne, dass die 16jährige Protagonistin Mifti ihren Platz in der Welt sucht. Selten wurde so radikal das Versagen der Erwachsenen erzählt, die einer jungen Generation außer Konsumbesessenheit und Selbstverliebtheit nichts anzubieten hat, an das es anzudocken bzw. an dem es sich zu orientieren lohnte. Krank ist nicht das Mädchen, sondern ihre Gruppe an Bezugspersonen aus der Erwachsenenwelt.

Miftis Suche, ihre Verzweiflung und Wut sind fast körperlich spürbar im Film, und auch ihre defekte Wahrnehmung im Wahn der Partynächte überträgt sich direkt auf den Zuschauer durch eine teils nonlineare Erzählweise. Sämtliche filmische Mittel, wie hier und im gesamten Film die herausragende Montage, konzentrieren sich darauf, Ausdruck für Miftis Gemütszustand zu sein. Dieser formalen Konsequenz ist es sicherlich zu verdanken, dass es in keinem Moment des Films um eine Wertung geht, ob irgendwer Drogen nehmen darf oder nicht, ob Mifti verführt wird oder nicht, ob sie irre ist oder nicht – all diese Ambivalenzen bedürfen keiner didaktisch motivierten Klärung, sondern verdichten sich zu einem enorm vielschichtigen und deshalb wunderbar gelungenen Porträt. Und das sprüht dazu vor lebendigen Einfällen: Da wird Jahrzehnte alter Soul-Funk über Clubszenen gelegt, Mifti im Clip-Style als einzig Überlebende eines Weltuntergangs inszeniert (wenn man so will eine Miniatur des gesamten Films), es wird der klassische Gangsterfilm zitiert sowie ohnehin in zahllosen Momenten die verrücktesten Bezüge und Verweise auf künstlerische und philosophische Vorbilder hergestellt. Und mittendrin Jasna Fritzi Bauer als Mifti, Herz und Seele des Films, Taktgeberin und emotionales Zentrum. Ein in jeder Hinsicht gelungener Film.