Filmplakat: AMOK

FBW-Pressetext

Er liegt auf seiner Couch, kann sich nicht rühren, fühlt sich zu kraftlos, um aufzustehen und weiterzumachen. Er hat versagt, als Lehrer und als Mensch. Denn einer seiner Schüler lief Amok und tötete Mitmenschen. Und er konnte es nicht verhindern. Erst als die Mutter eines der Opfer vor der Tür steht und ihn an seine Verantwortung erinnert, wacht er auf und stellt sich dem Leben. Das unvorstellbare Leid der Hinterbliebenen und Zeugen eines Amoklaufs wird in dem 14minütigen Film von Käthe Niemeyer von einer ganz neuen und interessanten Perspektive beleuchtet. Dabei verzichtet der Film auf lange Erklärungen oder reißerische Bilder. Mit nur wenigen Sätzen und atmosphärisch dichten und symbolisch aufgeladenen Klangeffekten gelingt es, im Kopf des Zuschauers eine komplette Geschichte zusammenzusetzen. Das Spiel des Hauptdarstellers Thomas Rühmann ist zurückhaltend und dennoch so intensiv, dass obwohl die Motive des Lehrers verborgen bleiben, sein Leid an dem, was geschehen ist, jedoch spürbar unter die Haut geht. Ein kurzer, aber eindringlicher Film über das Leben nach der Katastrophe, der viele Fragen offen lässt. Antworten gibt es nicht.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama; Kurzfilm
Regie:Käthe Niemeyer
Darsteller:Thomas Rühmann; Anita Vulesica
Drehbuch:Petra Mirus
Kamera:Christoph Poppke
Schnitt:Susann Wetterich
Musik:Thimo Pommerening
Länge:13 Minuten
Produktion: Petra Mirus

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Der Film greift mit dem Amoklauf an einer Schule ein brisantes gesellschaftliches Thema auf. Das Risiko, der Komplexität des Themas in einem Kurzfilm nicht gerecht werden zu können, ist daher hoch. Diesem Risiko versucht der Film zu entgehen, indem er auf narrative Reduktion setzt. Er erzählt von einem Lehrer, dessen Leben aufgrund einer Amokerfahrung aus den Fugen geraten ist. Er geht nicht mehr zur Arbeit und scheint generell seine Wohnung kaum zu verlassen. Erst als die Mutter eines Schülers zu ihm kommt und ihm deutlich macht, dass die Kinder ihn brauchen und sein Verhalten feige sei, kehrt er ins Leben zurück. Darüber, ob die Reaktion des Mannes psychologisch nachvollziehbar ist, ließe sich trefflich streiten. Die Konfrontation zwischen der Mutter und dem Lehrer ist jedoch im Detail zweifellos präzise inszeniert und von sehr guten Darstellern getragen. Vor allem eine Dialogpassage ist hervorzuheben: wenn die Mutter den Lehrer auf ihren Sohn anspricht, der offenbar bei dem Amoklauf ums Leben gekommen ist, und der Lehrer sie fragt, ob sie wisse, dass ihr Sohn zu jenen gezählt habe, der Schwächere gehänselt habe. Hier scheint der Kristallisationspunkt des Filmes ausgesprochen zu werden: Der Lehrer glaubt versagt zu haben, nicht erkannt zu haben, was sich da anbahnte. Doch wie groß ist seine Schuld, wenn die Mutter gleichfalls eine negative Eigenschaft ihres Kindes nicht kannte? Ebenfalls für die Qualität des Films spricht, dass er vieles in der Schwebe hält. Was genau in der Schule passiert ist, wird nicht gezeigt. Als der Lehrer nach dem Gespräch mit der Mutter unter der Dusche steht, ist nur der Ton der schrecklichen Tat zu hören. Welche Rolle der Sohn der Mutter dabei genau spielte, bleibt ebenfalls unklar. So geht es in dem Film um die zentrale Frage der Schuld des Lehrers und wie er diese Schuld, die zu einem Trauma geworden ist, verarbeiten kann.