Filmplakat: Alzheimer

FBW-Pressetext

Auguste Deter wurde im Jahr 1901 in eine Klinik in Frankfurt am Main eingewiesen. Sie war verwirrt, konnte sich an vieles aus ihrem Leben nicht mehr erinnern, verwechselte Alltagsgegenstände und fühlte sich, nach eigener Aussage, als hätte sie sich „verloren“. Keiner in der Klinik wusste mit Auguste Deter und ihrer Krankheit umzugehen. Bis ein Arzt die Behandlung übernahm und ihr genau die Fragen stellte, die dazu führten, eine Diagnose zu stellen. Der Name des Arztes: Dr. Alois Alzheimer. In seinem experimentellen Film vermischt Constantin Müller gekonnt dokumentarische und fiktionale Ebenen. Aufnahmen von Auguste Deter und Gesprächsprotokolle werden gezeigt, dazwischen immer wieder inszenierte Kindheitserinnerungen. Durch diese oftmals träumerisch anmutenden Impressionen und die bildlichen Metaphern verschafft Müller dem Zuschauer einen emotionalen Zugang zum historischen Dokument, ohne dem Thema seine Bedeutung und die Betroffenheit zu nehmen. So entsteht in nur vier Minuten eine sehr intensive, berührende und auch informative Auseinandersetzung mit der Krankheit und dem Menschen, der vielleicht nicht als erstes darunter litt. Aber dessen Leiden zum allerersten Mal einen Namen erhielt.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Constantin Müller, der für Regie, Drehbuch und Schnitt verantwortlich zeichnet, realisierte seinen vierminütigen experimentellen Dokumentarfilm an der Hochschule Mainz. Beim gewählten Thema, das bei stetig wachsendem Bevölkerungsanteil von alten Menschen für uns immer wichtiger wird, ist vielleicht ein TV-taugliches Feature mit Hintergrundberichten, Expertenmeinungen, Tabellen und düsteren Prognosen zu erwarten. Diese am rein Faktischen orientierte Konvention der heute üblichen medialen Aufbereitung unterläuft das kurze, prägnante Filmessay jedoch auf verblüffend einfache Weise. Ein theaterhaft inszenierter Dialog zwischen dem Arzt Alois Alzheimer und seiner Patientin Auguste Deter, die er ab 1901 behandelte, basiert auf der 1996 wiedergefundenen Krankenakte, in der die verwirrte Frau davon spricht, dass sie „sich selbst verloren“ habe. Diese historisierende filmische Rekonstruktion der ersten Diagnose jener Demenzerkrankung, die seitdem den Namen des protokollierenden Psychiaters trägt, wechselt sich ab mit Bildern, in denen der Filmemacher als Bild-Effekte destabilisierende Überblendungen und Wischeffekte einsetzt. Mit dem Aufscheinen von Erinnerungsstücken aus Auguste Deters Jugend macht er assoziativ letzte Fragmente einer Lebensidentität sichtbar, die gerade dabei ist, sich für immer aufzulösen. So gelingt es, beide Momente in einem fein konstruierten Spannungsbogen zusammenzuschließen: die Außen-Perspektive des realen medizinisch-historischen Hintergrunds und die introspektive Dimension des sich auflösenden Erinnerungsvermögens, das zugleich ein Selbst-Verlust ist. Das in der Kürze der Zeit umzusetzen, ist ein kleines Meisterstück. Andererseits bleiben dem uninformierten Zuschauer wegen der assoziativen Struktur nach Ansicht der Jury die Zusammenhänge doch weitgehend unklar, so dass am Schluss eine Texttafel Aufklärung geben muss: in den Augen der Jury ein kleiner Bruch im künstlerischen Gesamtgefüge.