Schön ist die Jugend...Das vergessene Schicksal der Wolga-Deutschen

Filmplakat: Schön ist die Jugend...Das vergessene Schicksal der Wolga-Deutschen

Jurybegründung

Josef Stalin ließ die sogenannten „Wolgadeutschen“ 1941 aus den von ihnen besiedelten Gebieten deportieren und dann in verschiedene, weit entfernten Regionen der Sowjetunion umsiedeln, wo sie zu einem großen Teil in Arbeitslager einquartiert wurden. Diesen weithin unbekannten Aspekt der Schreckensherrschaft von Stalin beleuchtet der Filmemacher Boris Schwarzmann mit seiner Dokumentation. Dazu bedient er sich stilistischer Mittel, die von unterschiedlicher filmischer Qualität sind und dadurch wirkt der Film laut Ansicht der Jury uneinheitlich. Auf einer Ebene stellt Schwarzmann drei Wolgadeutsche der zweiten Generation nach der Vertreibung vor. Zum Teil noch aus eigener Erfahrung, aber auch aus zweiter Hand in der Form von familiär überlieferten Erfahrungsberichten schildern diese drei Männer, wie schwer das Leben der Wolgadeutschen nach der Deportation war, wie ungerecht sie behandelt wurden, wie sie hungerten, froren und starben. Diese Interviewteile, in denen man zum Teil auch sieht, wie schwer es den Zeitzeugen fällt, von den schrecklichen Vorkommnissen dieser Zeit zu erzählen, sind eindeutig die stärksten Sequenzen des Films. Zudem werden die drei Protagonisten, die künstlerische Berufe ausüben, bei ihren täglichen Arbeiten gefilmt. Hier zeigen sich sowohl Stärken wie auch Schwächen der Montage, denn sowohl der Erkenntniswert wie auch der ästhetische Mehrwert der langen Aufnahmen, beispielsweise von der Probenarbeit eines Regisseurs, sind eher gering, während es viel aufschlussreicher und filmisch ergiebiger ist, wenn ein anderer Protagonist seine Sammlung von alten Akkordeons vorführt und der dritte an aus Holz geschnitzten Druckgrafiken arbeitet. Auf einer zweiten Ebene werden auf der Tonebene als historische Originalquellen Beschlüsse des sowjetischen Machtapparats zu den Wolgadeutschen verlesen. Diese werden zum Teil durch Aufnahmen von einer alten Schreibmaschine bebildert, zusätzlich wurden aber auch Spielszenen inszeniert, in denen das Schicksal der Wolgadeutschen in der Form eines zarten blonden Jungen personalisiert werden soll. Seinen Gegenpart spielt ein bulliger, finster blickender Mann als mächtiger Vertreter der Sowjetmacht. Diese Darstellung wirkte auf die Jury klischeehaft und daher auch ein wenig manipulativ. Durch den Kontrast zwischen den beiden Figuren wird ein Bedrohungsszenario geschaffen, das die schreckliche Wirkung der bürokratischen Formulierungen auf der Tonspur verstärken soll, diese aber letztlich schmälert, weil die Methode so leicht durchschaubar ist. Viel gelungener und bewegender ist dagegen die Verwendung des musikalischen Leitmotivs. Das deutsche Volkslied, das ja schon den Titel ziert und eine besondere Bedeutung hat, wird in mehreren Versionen eingesetzt. So spielt einer der Zeitzeugen es auf einem Akkordeon, es erklingt von einer folkloristischen Schallplattenaufnahme aus dem Jahr 1957 und wird elegisch von einem Chor gesungen. Auch hier zeigt sich wieder, dass die einfachen Lösungen am effektivsten sind, während die stilistisch ambitionierten Versuche des Regisseurs eher von den Kernaussagen des Films ablenken.
Prädikat wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Boris Schwarzmann
Darsteller:Nikita Papst; Nikolaj Kytmanov; Wladimir Weide; Anatolij Zeiser; Jakob Gert
Drehbuch:Boris Schwarzmann
Kamera:Iwan Kotelnikov
Schnitt:Andrej Perschin
Musik:Alexander Ostrovski
Länge:38 Minuten
Kontakt:info@theater-aparte.de
Produktion: Theater a parte Katja Beil
FSK:12

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Josef Stalin ließ die sogenannten „Wolgadeutschen“ 1941 aus den von ihnen besiedelten Gebieten deportieren und dann in verschiedene, weit entfernten Regionen der Sowjetunion umsiedeln, wo sie zu einem großen Teil in Arbeitslager einquartiert wurden. Diesen weithin unbekannten Aspekt der Schreckensherrschaft von Stalin beleuchtet der Filmemacher Boris Schwarzmann mit seiner Dokumentation. Dazu bedient er sich stilistischer Mittel, die von unterschiedlicher filmischer Qualität sind und dadurch wirkt der Film laut Ansicht der Jury uneinheitlich. Auf einer Ebene stellt Schwarzmann drei Wolgadeutsche der zweiten Generation nach der Vertreibung vor. Zum Teil noch aus eigener Erfahrung, aber auch aus zweiter Hand in der Form von familiär überlieferten Erfahrungsberichten schildern diese drei Männer, wie schwer das Leben der Wolgadeutschen nach der Deportation war, wie ungerecht sie behandelt wurden, wie sie hungerten, froren und starben. Diese Interviewteile, in denen man zum Teil auch sieht, wie schwer es den Zeitzeugen fällt, von den schrecklichen Vorkommnissen dieser Zeit zu erzählen, sind eindeutig die stärksten Sequenzen des Films. Zudem werden die drei Protagonisten, die künstlerische Berufe ausüben, bei ihren täglichen Arbeiten gefilmt. Hier zeigen sich sowohl Stärken wie auch Schwächen der Montage, denn sowohl der Erkenntniswert wie auch der ästhetische Mehrwert der langen Aufnahmen, beispielsweise von der Probenarbeit eines Regisseurs, sind eher gering, während es viel aufschlussreicher und filmisch ergiebiger ist, wenn ein anderer Protagonist seine Sammlung von alten Akkordeons vorführt und der dritte an aus Holz geschnitzten Druckgrafiken arbeitet. Auf einer zweiten Ebene werden auf der Tonebene als historische Originalquellen Beschlüsse des sowjetischen Machtapparats zu den Wolgadeutschen verlesen. Diese werden zum Teil durch Aufnahmen von einer alten Schreibmaschine bebildert, zusätzlich wurden aber auch Spielszenen inszeniert, in denen das Schicksal der Wolgadeutschen in der Form eines zarten blonden Jungen personalisiert werden soll. Seinen Gegenpart spielt ein bulliger, finster blickender Mann als mächtiger Vertreter der Sowjetmacht. Diese Darstellung wirkte auf die Jury klischeehaft und daher auch ein wenig manipulativ. Durch den Kontrast zwischen den beiden Figuren wird ein Bedrohungsszenario geschaffen, das die schreckliche Wirkung der bürokratischen Formulierungen auf der Tonspur verstärken soll, diese aber letztlich schmälert, weil die Methode so leicht durchschaubar ist. Viel gelungener und bewegender ist dagegen die Verwendung des musikalischen Leitmotivs. Das deutsche Volkslied, das ja schon den Titel ziert und eine besondere Bedeutung hat, wird in mehreren Versionen eingesetzt. So spielt einer der Zeitzeugen es auf einem Akkordeon, es erklingt von einer folkloristischen Schallplattenaufnahme aus dem Jahr 1957 und wird elegisch von einem Chor gesungen. Auch hier zeigt sich wieder, dass die einfachen Lösungen am effektivsten sind, während die stilistisch ambitionierten Versuche des Regisseurs eher von den Kernaussagen des Films ablenken.