Hiroshima - mon amour

VÖ-Datum: 08.03.18
1959
Filmplakat: Hiroshima - mon amour

Jurybegründung

Der Bewertungsausschuss hat dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen. Die bildliche, sprachliche und schauspielerische Intensität des Films ist so einzigartig, dass der Bewertungsausschuss keinen Augenblick zögerte, das höchste Prädikat zu verleihen. Die leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen einer Französin und einem Japaner wird so glaubwürdig differenziert und gesteigert, dass der Betrachter sehr bald jeden Abstand gegenüber dieser so menschlichen Geschichte verliert. In der privaten Sphäre der beiden Liebenden erreicht der Film seinen Höhepunkt mit der Szene im Tea-Room am Ufer des Flusses, während die Frau aus Frankreich zum ersten Mal die Geschichte ihrer tragischen Mädchenliebe zu einem deutschen Soldaten während des Krieges herausstammelt. Die Regie hat diese reine Dialogszene geradezu erregend belebt. Die fluktuierenden Lichtreflexe auf dem Gesicht der Frau spiegeln die fortschreitende seelische Verwirrung. Auch die jeweils verschiedene Art, in der der Japaner seiner Geliebten während ihrer Erzählung zu trinken gibt, ist stets genau nach dem inneren Zustand der Liebenden bemessen. Die beiden Menschen sitzen völlig isoliert beieinander. Die Kamera schweift niemals von ihnen ab, und doch steckt gerade in dieser Dialogszene eine überwältigende Intensität. Die Geschichte, die die Frau aus den Kriegstagen erzählt, ist in jedem Satz glaubwürdig. Sie wirkt umso stärker, als die Regie das Mittel der Rückblende nur sehr behutsam verwendet und auch dann realistische Szenen nach Möglichkeit vermeidet. Die tiefe Verstörung in der Erinnerung der Frau an ihre erste Liebe und deren schreckliche Folgen korrespondiert mit dem eigenartig balladesken Stil der Rückblenden, die mitunter nur wie der Spuk aus einem Traum apostrophiert werden. Wenn sich der Japaner während der Erzählung der Frau mit dem erschossenen Geliebten aus Nevers identifiziert und durch seine Fragen der verstörten Frau voran hilft, hat auch die allgemeinere Perspektive des Films gerade in dieser so ganz privaten Dialogszene ihren Höhepunkt erreicht. Zweifellos sind die Verknüpfungen zwischen der persönlichen Geschichte und der zurückhaltenden Tendenz des Films vordergründig nicht ohne weiteres durchschaubar. Womöglich gehört jedoch diese Undurchschaubarkeit der Verflechtungen zu den Vorzügen des Films, da er zugleich mit der leidenschaftlichen Liebesgeschichte und untrennbar von ihr eine Tendenz vermittelt, die sich nicht in plakativer Weise aussprechen lässt.



Die großen Fähigkeiten des Regisseurs erweisen sich vor allem darin, dass er seine stärksten Leistungen immer dort erreicht, wo das Liebespaar allein ist. Das gilt auch für die beiden Szenen im Wartesaal und in der Nachtbar. Die gewagten Liebesszenen zu Beginn des Films verraten einen hohen künstlerischen Instinkt, den man sonst bei derartigen Szenen, vor allem im deutschen Spielfilm, immer wieder vermissen muss. Buch und Regie hatten den Mut, die jähe Liebesbegegnung zwischen der Französin und dem Japaner ohne jede Beschönigung als den Ausbruch einer zunächst nur erotischen Leidenschaft darzustellen. Dieses erotische Übergewicht bleibt auch weiterhin erhalten, so dass der Film mitsamt seiner unterströmigen Tendenz als ein Film der Leidenschaft charakterisiert werden kann. Aber mit welcher Behutsamkeit und dezenten Nuancierung wird diese Leidenschaft dargestellt!



Neben der Beleuchtung und den vorzüglichen Bauten spielen vor allem die Geräusche eine wichtige Rolle in der Dramaturgie des Films, so etwa der plötzlich niederprasselnde Regen oder die quakenden Frösche in der Rückblende nach Nevers oder das anlaufende Motorboot während der Dialogszene im Tea-Room. Auch die Musik ist genau akzentuiert. Emmanuele Riva verfügt in der Rolle der französischen Frau über eine ungewöhnlich breite Skala mimischer Fähigkeiten, zumal im Ausdruck der Leidenschaft und des Schmerzes. Ihre großen schauspielerischen Möglichkeiten entfalten sich besonders auch in den Rückblenden. Emmanuele Riva weicht höchst erfreulich von de gewohnten Typ der Filmschauspielerin ab. Umso eher gelingt es ihr, mit aller Bannkraft einen ganzen Menschen zu gestalten. Eiji Okada ist in der Mimik sehr viel zurückhaltender als Emmanuele Riva. Das entspricht vollkommen seiner Rolle, denn die überzeugende Gegenüberstellung zwischen der Französin und dem ganz anders gearteten Japaner gehört zu den besonderen Reizen dieses ungewöhnlichen Films.



Dank der hervorragenden Schattierungen der Rückblenden gelang es der Regie, die verschiedenen Zeitebenen derart zu vertauschen, dass für den Betrachter die zurückliegenden Kriegsereignisse in Nevers und in Hiroshima genauso gegenwärtig werden wie die Liebesgeschichte, die sich im Augenblick zuträgt. Damit aber hat der Film seine schwierige, vielleicht sogar komplizierte Aufgabe glänzend bewältigt.



(Beckmann)



Der Bewertungsausschuss hat der synchronisierten Fassung des Films „Hiroshima, mon amour“ das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen und damit die Einstufung der Originalfassung bestätigt. Die Synchronisation verdient restlose Anerkennung. Sie hat sich in den Stil des Films tief eingefühlt du überwindet selbst die gefährlichen Klippen, die sich ihr bei den Großaufnahmen entgegenstellen. Die Stimmen der deutschen Sprecher (Margot Trooger und Thomas Braut) decken sich mit dem Erscheinungs- und Charakterbild der beiden Hauptdarsteller in nahezu makelloser Weise. Die im Film vorhandenen verschiedenen Wirklichkeits- und Bewußtseinsebenen verlieren auch in der Synchronisation nichts von ihrer spannungsvollen Verflochtenheit. Der beziehungsreiche Wechsel zwischen den realen Dialogen und den meditativen Monologen der Erinnerung wird ohne Verlust an Intensität und Poesie auch in der synchronisierten Fassung zu einem nachhaltigen Erlebnis.



(Prager)

Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Kategorie:Spielfilm
Regie:Alain Resnais
Darsteller:Emmanuele Riva; Eiji Okada
Drehbuch:Marguerite Duras
Kamera:Sacha Vierny; Takahashi Michio
Schnitt:Henri Colpi; Jasmine Chasney; Anne Sarraute
Musik:Georges Delerue; Giovanni Fusco
Länge:90 Minuten
VÖ-Datum:08.03.2018
Verleih:Constantin Film Verleih GmbH
Produktion: , Argos Films/Como Films/Pathé Overseas, Paris + Daiei Motion Picture Co., Ltd., Tokio

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Der Bewertungsausschuss hat dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen. Die bildliche, sprachliche und schauspielerische Intensität des Films ist so einzigartig, dass der Bewertungsausschuss keinen Augenblick zögerte, das höchste Prädikat zu verleihen. Die leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen einer Französin und einem Japaner wird so glaubwürdig differenziert und gesteigert, dass der Betrachter sehr bald jeden Abstand gegenüber dieser so menschlichen Geschichte verliert. In der privaten Sphäre der beiden Liebenden erreicht der Film seinen Höhepunkt mit der Szene im Tea-Room am Ufer des Flusses, während die Frau aus Frankreich zum ersten Mal die Geschichte ihrer tragischen Mädchenliebe zu einem deutschen Soldaten während des Krieges herausstammelt. Die Regie hat diese reine Dialogszene geradezu erregend belebt. Die fluktuierenden Lichtreflexe auf dem Gesicht der Frau spiegeln die fortschreitende seelische Verwirrung. Auch die jeweils verschiedene Art, in der der Japaner seiner Geliebten während ihrer Erzählung zu trinken gibt, ist stets genau nach dem inneren Zustand der Liebenden bemessen. Die beiden Menschen sitzen völlig isoliert beieinander. Die Kamera schweift niemals von ihnen ab, und doch steckt gerade in dieser Dialogszene eine überwältigende Intensität. Die Geschichte, die die Frau aus den Kriegstagen erzählt, ist in jedem Satz glaubwürdig. Sie wirkt umso stärker, als die Regie das Mittel der Rückblende nur sehr behutsam verwendet und auch dann realistische Szenen nach Möglichkeit vermeidet. Die tiefe Verstörung in der Erinnerung der Frau an ihre erste Liebe und deren schreckliche Folgen korrespondiert mit dem eigenartig balladesken Stil der Rückblenden, die mitunter nur wie der Spuk aus einem Traum apostrophiert werden. Wenn sich der Japaner während der Erzählung der Frau mit dem erschossenen Geliebten aus Nevers identifiziert und durch seine Fragen der verstörten Frau voran hilft, hat auch die allgemeinere Perspektive des Films gerade in dieser so ganz privaten Dialogszene ihren Höhepunkt erreicht. Zweifellos sind die Verknüpfungen zwischen der persönlichen Geschichte und der zurückhaltenden Tendenz des Films vordergründig nicht ohne weiteres durchschaubar. Womöglich gehört jedoch diese Undurchschaubarkeit der Verflechtungen zu den Vorzügen des Films, da er zugleich mit der leidenschaftlichen Liebesgeschichte und untrennbar von ihr eine Tendenz vermittelt, die sich nicht in plakativer Weise aussprechen lässt.

Die großen Fähigkeiten des Regisseurs erweisen sich vor allem darin, dass er seine stärksten Leistungen immer dort erreicht, wo das Liebespaar allein ist. Das gilt auch für die beiden Szenen im Wartesaal und in der Nachtbar. Die gewagten Liebesszenen zu Beginn des Films verraten einen hohen künstlerischen Instinkt, den man sonst bei derartigen Szenen, vor allem im deutschen Spielfilm, immer wieder vermissen muss. Buch und Regie hatten den Mut, die jähe Liebesbegegnung zwischen der Französin und dem Japaner ohne jede Beschönigung als den Ausbruch einer zunächst nur erotischen Leidenschaft darzustellen. Dieses erotische Übergewicht bleibt auch weiterhin erhalten, so dass der Film mitsamt seiner unterströmigen Tendenz als ein Film der Leidenschaft charakterisiert werden kann. Aber mit welcher Behutsamkeit und dezenten Nuancierung wird diese Leidenschaft dargestellt!

Neben der Beleuchtung und den vorzüglichen Bauten spielen vor allem die Geräusche eine wichtige Rolle in der Dramaturgie des Films, so etwa der plötzlich niederprasselnde Regen oder die quakenden Frösche in der Rückblende nach Nevers oder das anlaufende Motorboot während der Dialogszene im Tea-Room. Auch die Musik ist genau akzentuiert. Emmanuele Riva verfügt in der Rolle der französischen Frau über eine ungewöhnlich breite Skala mimischer Fähigkeiten, zumal im Ausdruck der Leidenschaft und des Schmerzes. Ihre großen schauspielerischen Möglichkeiten entfalten sich besonders auch in den Rückblenden. Emmanuele Riva weicht höchst erfreulich von de gewohnten Typ der Filmschauspielerin ab. Umso eher gelingt es ihr, mit aller Bannkraft einen ganzen Menschen zu gestalten. Eiji Okada ist in der Mimik sehr viel zurückhaltender als Emmanuele Riva. Das entspricht vollkommen seiner Rolle, denn die überzeugende Gegenüberstellung zwischen der Französin und dem ganz anders gearteten Japaner gehört zu den besonderen Reizen dieses ungewöhnlichen Films.

Dank der hervorragenden Schattierungen der Rückblenden gelang es der Regie, die verschiedenen Zeitebenen derart zu vertauschen, dass für den Betrachter die zurückliegenden Kriegsereignisse in Nevers und in Hiroshima genauso gegenwärtig werden wie die Liebesgeschichte, die sich im Augenblick zuträgt. Damit aber hat der Film seine schwierige, vielleicht sogar komplizierte Aufgabe glänzend bewältigt.

(Beckmann)

Der Bewertungsausschuss hat der synchronisierten Fassung des Films „Hiroshima, mon amour“ das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen und damit die Einstufung der Originalfassung bestätigt. Die Synchronisation verdient restlose Anerkennung. Sie hat sich in den Stil des Films tief eingefühlt du überwindet selbst die gefährlichen Klippen, die sich ihr bei den Großaufnahmen entgegenstellen. Die Stimmen der deutschen Sprecher (Margot Trooger und Thomas Braut) decken sich mit dem Erscheinungs- und Charakterbild der beiden Hauptdarsteller in nahezu makelloser Weise. Die im Film vorhandenen verschiedenen Wirklichkeits- und Bewußtseinsebenen verlieren auch in der Synchronisation nichts von ihrer spannungsvollen Verflochtenheit. Der beziehungsreiche Wechsel zwischen den realen Dialogen und den meditativen Monologen der Erinnerung wird ohne Verlust an Intensität und Poesie auch in der synchronisierten Fassung zu einem nachhaltigen Erlebnis.

(Prager)