Herr der Fliegen

Kinostart: 10.10.07
1963
Filmplakat: Herr der Fliegen

FBW-Pressetext

Gut gealtert oder schlecht gealtert? Das ist bei Filmklassikern immer wieder die Frage. Mehr als 40 Jahre alt ist die Filmadaption des Nobelpreis-Romans, die der große Theaterregisseur Peter Brook mit einer jungen Laienschar in Puerto Rico inszenierte. Die Schwarzweißbilder vermögen auch heute noch zu überzeugen: Der Film hat Kraft und Wucht, zeigt die Dünnhäutigkeit unserer Zivilisation. Kameraführung, Set, Kostüm und Maske, Ton und Dialoge gehen eine magische Verbindung ein.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama
Regie:Peter Brook
Darsteller:James Aubrey; Tom Chapin; Hugh Edwards; Roger Elwin
Drehbuch:Peter Brook
Weblinks:filmsortiment.de;
Länge:87 Minuten
Kinostart:10.10.2007
Verleih:Concorde
Produktion: Concorde Home Entertainment GmbH
FSK:12

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Gut gealtert oder schlecht gealtert – Klassiker oder veraltet?“ Das war die Frage der FBW-Jury vor Ansicht dieses 1963 von dem bereits damals schon renommierten Theater- und Filmregisseur Peter Brook verfilmten Romans „Herr der Fliegen“ des englischen Autors und Nobelpreisträgers William Golding.

Nach Ansicht des Films ist die Jury-Antwort mit 4:0 Stimmen eindeutig: Ein immer noch fabelhaft aktueller, nach wie vor sehenswerter Film. Ein Film für die Filmgeschichte. Ein Klassiker.

Goldings Romanvorlage, an die sich Peter Brook nicht sklavisch, aber umsichtig und sorgsam hält, erzählt die Geschichte einer heterogenen Gruppen jugendlicher Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren, die wegen kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen nicht näher bezeichneten Ländern zu ihrem eigenen Schutz evakuiert werden und sich auf einer Südseeinsel ausgesetzt finden.

Ein Atomkrieg droht, die Erwachsenen sind offensichtliche alle darin involviert. Selbst das Flugzeug, das die Kinder auf die Insel geflogen hat, stürzt hat, die Piloten überleben nicht.

Die Kinder sind auf sich selbst gestellt, müssen ihren Alltag organisieren, die Existenz (Essen, Feuer, Schlafen, Erkundung der Insel usw.) sichern, ihrem Miteinander Regel und Ordnung geben. Schnell entwickeln sich zwei Gruppen: die eine angeführt von einem Führer, der das Zusammenleben nach den in der englischen Schule eingeübten Regeln des sanften Lenkens, Diskutierens und Entscheidens ordnen möchte, die zweite Gruppe angeführt von seinem Antipoden, dem das Abenteuer, die Jagd, das Ekstatische mehr ist und der rasch die Vielzahl der Jugendlichen um sich versammelt. Beide Gruppen begeben sich zunehmend in aggressive Auseinandersetzungen, suchen im „Bürgerkrieg“ die Herrschaft über einander zu gewinnen. Dabei helfen die klassischen Muster der Massengewinnung und der Massenaufwiegelung: Argument und Gegenargument, Sozialität und Fürsorge, andererseits Masken, Fetische, Tänze, das archaische Arsenal einer Weltanverwandlung.

Am Ende, nachdem es zu unbeabsichtigten und aber auch zu gewollten Tötungen gekommen ist, wird der ordnende und inzwischen von allen verlassene, gejagte Führer der klassisch-zivilisierten, englischen Gesellschaft nur durch das energische Eingreifen zurückgekehrter Erwachsener gerettet. Der Versuch einer sich friedlich organisierenden Gesellschaft ist gescheitert.

Brook arbeitet zwar keine politischen Bezüge der 1950er und 1960er Jahre (Ost-West-Konfrontation, atomare Bewaffnung, Kuba-Krise) auf, hält sie jedoch als Folie im Hintergrund präsent. Er inszeniert eine optische und musikalische Choreographie des Miteinanders, Gegeneinanders, des Zerfalls einer Kleingesellschaft. Brook weiß seine jungen Laienschauspieler virtuos ins Bild zu setzen: vital, wild und heftig als Truppe oder Gruppen gegeneinander, reflektiv und massenpsychologisch wirksam als Führerfiguren, nah, ängstlich, nachdenklich als einzelner Charakter. Optimal nutzt Brook den Ort, die sanft verwilderte Kargheit der Südseeinsel zwischen Strand, Palmen und Felswildheit, um seine Schauspieler zu platzieren.

Mit einer brillanten Kameraführung arbeitet er den Versuch, sich in zivilen Strukturen zu organisieren, ebenso heraus wie die wachsende magische Verwirrung und Betäubung der Gruppenmitglieder, setzt das Schwarz-Weiß des Filmmaterials in allen erdenklichen Varianten der Lichtsetzung und der Lichtdramaturgie ein und weiß mit bewegter Kamera nah und souverän zugleich in der Beobachtung dem heftigen Treiben der jugendlichen Gruppen zu folgen.

Kameraführung, Set, Kostüm und Maske, Ton und Dialoge gehen eine magische Verbindung ein, die den Zuschauer ebenso mitnimmt und in das schauerliche Spiel der Kannibalisierung einbezieht, wie sie durch die Sorgfalt und Detailvielfalt der Regie den Zuschauer auch distanziert beobachten und analysieren lässt.

Ein kleines Meisterwerk, bezogen auf den politischen Kontext der 1950er und 1960er Jahre, wird der Film zu einer Metapher eines entzivilisierten, verwilderten Lebens, das überall da droht, wo die strukturstiftenden Spielregeln an Kraft verlieren und den Einbruch des Magischen erneut zulassen.

Peter Brook inszeniert eng angelehnt an Golding den düsteren Untergang der menschlichen Spezies als zivilisierte Gesellschaft.