Das Reichsorchester

Kinostart: 01.11.07
2007
Filmplakat: Das Reichsorchester

Kurzbeschreibung

Ein umfassendes und kritisches Bild der Berliner Philharmoniker zwischen 1933 und 1945, zwischen künstlerischer Unabhängigkeit und politischer Vereinnahmung
Prädikat wertvoll

Filminfos

Kategorie:Spielfilm
Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Enrique Sánchez Lansch
Drehbuch:Enrique Sánchez Lansch
Länge:90 Minuten
Kinostart:01.11.2007
Verleih:Salzgeber & Co.
Produktion: Eikon Media GmbH, Rundfunk Berlin-Brandenburg
Förderer:MBB

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Anlass dieses Films war zweifellos das in diesem Jahr anstehende 125-jährige Bestehen der Berliner Philharmoniker. Es geht um Höheres als Politik, es geht um Musik. Doch ist Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus nicht als euphorisches, jubilierendes Feierdokument konzipiert, sondern lässt ein Panorama dieser Institution und ihrer Mitglieder entstehen. Gut gepanzert durch ihre gusseisern idealistische Gesinnung brachten es die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Berlin, das in den braunen Jahren Reichsorchester hieß, fertig, den Nazis als Vorzeige-Orchester zu dienen.

Die Berliner Philharmoniker - schon damals Deutschlands wichtigster Klangkörper - zierten die Reichshauptstadt, garnierten Hetz-Reden und Gala-Abende der Tyrannei, reisten durchs Ausland und schminkten den Faschismus mit Beethoven und Brahms. Auf die jüdischen Kollegen, Dirigenten und Komponisten verzichtete das Orchester, weil das so befohlen wurde, vielleicht auch weil der ein oder andere Virtuose den Rassenhass des Regimes bestens verinnerlicht hatte.

Regisseur Enrique Sánchez Lansch möchte in diesem Dokumentarfilm dieser seltsamen Arbeits- und Profit-Gemeinschaft von Geist und Ungeist, Kultur und Barbarei nachspüren, aber auf die offene, didaktische Interpretation und Deutung verzichten. Aus Dokumentar-Material und Interviews mit Zeitzeugen will er durch geschickte, konfrontative Montage die Widersprüche deutlich werden und Fragen aufleuchten lassen, vor allem jene großen: ob die Philharmoniker die Kultur nach Kräften bewahrt oder den Nazis ausgeliefert haben und ob sie sich irgendwann schuldig fühlten - während und nach dem tausendjährigen Reich mit seinen Millionen Opfern.

Die Nähe zur faschistischen Macht, der unselige Pakt der Berliner Philharmoniker in den zwölf braunen Jahren wird zum einen in einer an Bild-Dokumenten opulenten Chronologie transparent. Doch geht es dem Regisseur vor allem um eine vielschichtige „Innensicht“. Der Mikrokosmos „wie unter einer musikalischen Glasglocke“ wird beschworen von Erinnerungen der beiden letzten noch lebenden Philharmonikern jener Jahre – der 96jährige Johannes Bastiaan und der 87jährige Erich Hartmann – und von den Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld, von Angehörigen und Nachkommen.

Es sind Erinnerungen und Reflexionen, die immer wieder das bittere Thema der politischen Abstinenz der Mehrheit bürgerlicher Intellektueller und Künstler zum „roten Faden“ des Films machen - von allen Denkweisen des „Es wird schon nicht so schlimm“, „Uns betrifft das nicht“ bis „Wir haben aus Freude musiziert... und haben an keine Politik gedacht“. So erhält Lansch eine Meinungswolke über das Damals, die sich aus Spekulation und Tradition, aus Gehörtem und Imaginiertem, aus Analyse und Sentiment zusammensetzt. Wir erfahren so viel über bundesrepublikanische Blickwinkel und Deutungsansätze, aber nicht immer wirklich Erhellendes über die subjektiven Zwangslagen und Vorteilsnahmen in der Diktatur. Damit evoziert der Film das unerlässliche Nachdenken über Schuld- und Gewissensaspekte, auch über Schuld im Sinne der klassischen Ästhetik, nicht unter juristischen Präliminarien.

Diese nachträgliche Verarbeitung der Philharmoniker-Dienste für die Nazis ist fraglos interessant. Aber ein einmischender Kommentar oder ein offenes Nachfragen hätte manches deutlicher machen können. So erfahren wir im Film aus Zeugenmund, das Orchester sei in der Weimarer Republik an der Pleite entlang geschrammt, es sei nach der Machtübernahme dem Propagandaministerium unterstellt worden. Tatsächlich befand sich, wie Misha Aster in seiner jüngst erschienenen Untersuchung „Das Reichsorchester“ anhand der verbliebenen Dokumente darlegt, die bankrotte, den Musikern selbst gehörende Orchester-GmbH 1933 längst im Stande der Konkurs-Verschleppung ohne Aussicht auf Sanierung. Das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda hat den Musikern reihum die Anteile abgekauft, wurde also buchstäblich Besitzerin des Orchesters. Wie die Ökonomie die Kunst bestimmt und vielleicht auch das Gewissen, darüber hätte ein wenig mutiger nachgedacht werden können.

So entsteht als Wertung, wie sie Enrique Sánchez Lansch mit seiner Methodik langwierig, aber eindringlich hervorbringt das, was man mit Bertold Brecht auf den Satz bringen kann: Wehe dem Land, das Helden nötig hat! Damit reiht er sich ein in eine Phalanx schon geleisteter exemplarischer Reflexionen und Auseinandersetzungen mit ähnlichen Fällen und Prozessen ideologischer Instrumentarisierung und Manipulation künstlerischer Persönlichkeiten und Ensembles (von George, Werner Krauß, Gustaf Gründgens, dem Schiller- und Staatstheater bis zum „Bayreuth-Komplex“; auch István Szábos´ Spielfilm über Wilhelm Furtwängler sei hier natürlich ausdrücklich erwähnt).

Es ist ein schöner Vorzug dieses Films, sein Thema nicht als didaktisches Lehrstück abzuhandeln, selbst nicht zum „Thesenpapier“ zu werden; der Verzicht auf einen Off-Kommentar ist - ganz dem Prinzip der Selbstenthüllung folgend - ein Indiz dafür. Enrique Sánchez Lansch setzt auf die Tugend kontrapunktischer Montagen, auf das Emotionalisieren des „Human Factor“, auf die Sensibilisierung des Zuschauers für die Besonderheit menschlicher Erinnerungen und alltäglicher Erfahrungen, gerade auch für ein Gespinst von Selbsttäuschungen und Selbstbeschwichtigungen.

Dieses ehrenwerte Prinzip, Wertungen nicht zu oktroyieren, macht es dem Zuschauer allerdings nicht immer leicht, selbst zu solchen zu kommen und auch das Interesse daran wach zu halten. Denn die Aussagen der in hohem Alter stehenden Zeitzeugen sind naturgemäß entschleunigt und werden von Harmoniebedürfnis und vor allem der ewigen Liebe zur Musik getragen. "Wir waren kein Nazi-Orchester", sagt Erich Hartmann mit Überzeugung. Und dem kann man sich wohl anschließen. Weil ein Klangkörper wie dieser aus mehrheitlich introvertierten, wenig Interesse an der Realität zeigenden Individuen besteht. Sie waren stolz auf ihre Kunst und ließen sich "nichts nachsagen". Sie eilten nach jedem Bombenangriff zurück an die Instrumente zur Fortsetzung des Konzerts. Und darum waren sie den Nazis ein gutes Orchester.

Sehr sparsam werden Orientierungshilfen wie historische Dokumente und ggf. Inserts eingesetzt. Bewusst sparsam bedient sich auch die Kamera ihrer technischen Möglichkeiten. Dennoch ist der Film nicht einfach klassisch erzählt, sondern versucht durch geschickte Verknüpfungen von Bild- und Tonebene Haltungen, Perspektiven und Gefühle zu vermitteln. Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus überlässt es dem Rezipienten, seine Schlussfolgerungen zu ziehen, die durchaus kritisch und nachdenklich ausfallen dürfen.